Donath, Adolph [Hrsg.]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

Seite: 126
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viel sagen. Denn der Eindruck des M ö g 1 i c h e n ist
hier allein entscheidend.

Wer seine schlangenhalsigen Riesenreiher, seine
grotesken Überpaviane, seinen gutmütigen Mischling
von Nilpferd und Gorilla, sein „langes Pferd“ sah, wird
diese Schöpfung einer kühnen Phantasie nicht ver-
gessen. Natürlich mußten ihn die Riesensaurier der
Trias ganz besonders reizen.

In ihrem festlichen Einzug in eine moderne Stadt,
(„Zirkus Bestiosaurii“) hat er etwas vom „panischen
Schrecken“ vor einer totgeglaubten Urwildheit gestal-
tet, wenn auch voll dämonischem Humor. Einen ähn-
lichen „Kinderschreck-Humor“ zeigt das Blatt „Haus-
friedensbruch“ mit dem riesigen Urweltteufel, der in
ein hohes Etagenfenster hineinlangt. Seine „Fleder-
maus“-Visionen sind unheimlicher. So die Radierung,
wo ein Hund den weißen Riesenkopf einer Fledermaus
für den Mond hält („Dämmerung I.“).

Noch kühner ist der„ Traum eines Hundes“. Un-
erhörte Bewegung zeigt der „Zyclon“, der Häuser ein-
knickt, Menschen und einen Wagengaul in die Luft
wirbelt wie Spreu. In diesem fulminanten Blatt ist die
ganze Chaosstimmung von gestern, heute und — mor-
gen Ausdruck geworden.

Man soll die Künstler nicht vergleichen. Denn jedes
echte Talent ist etwas Einmaliges. Aus Doms Ra-
dierungsvisionen spricht eine wilde Naturgewalt;
Schenkes Motive sind geläufiger, vielleicht litera-
rischer und doch wreit menschlicher, manchmal viel-
leicht noch unheimlicher.

Freuen wir uns, daß zwei so eigenartige Künstler
heut in der deutschen Graphik die lang in Bann getane
Phantasie zu neuen wohlverdienten Ehren bringen und
zugleich eine Form für all das Tastende und Schreck-
liche fanden, was uns von allen Seiten in unserem
Menschentum bedroht.

W. Doras

Das Scheusal

Übet? Cavl |H<2umanns „Rembeandt“

uon

IDaltev Dammann^plensbuüg

I jaß das Schrifttum über Rembrandt von Jahr zu
Jahr stärker anschwillt, ist wahrlich nicht zu ver-
wundern. Von der großen Veröffentlichung der Rem-
brandtschen Handzeichnungen, von den unaufhörlichen,
freilich unentbehrlichen Erörterungen über Echtheit
und Zeitstellung einzelner Bilder, von Legros’ und
Singers einschneidender Kritik der Radierungen gar-
nicht zu reden — ein Werk wie Georg Simmels kunst-
philosophischer Rembrandtversuch hat viel Aufsehen
erregt: ein Buch, das manche Schönheiten und wert-
volle Gedanken enthält, als Gesamtleistung aber einen
Versuch mit untauglichen Mitteln darstellt. Emil Ver-
haerens und Jan Veths Arbeiten zeigen, wie hochge-
stimmte Geister sich in die Schöpfungen eines Aller-
größten einzufühlen suchen. Max Eisler bemüht sich

mit fleißiger Sorgfalt um die sachlichen und seelischen
Grundjagen Rembrandtscher Landschaftkunst. Hans
Kauffmann hat in ausgezeichneter Weise die Zusam-
menhänge Rembrandtscher Bilder, namentlich der-
jenigen mit erotischem Einschlag, mit der Geistesver-
fassung des „Muiderkring“ nachgewiesen. Carl Neu-
mann hat uns einen Einblick in die Werkstatt des Mei-
sters tun lassen — das sind nur ein paar der neueren
Arbeiten, die hier eine lange Reihe machen würden.
wollte man sie alle aufzählen. Aber dessen bedarf es
nicht: Carl Neumanns großes, allbekanntes Rembrandt-
werk ist in diesem Sommer in dritter, stark vermehrter
Auflage erschienen, mit einem Bilderschatz und einer
Ausstattung versehen, durch die die Verlagsanstalt
F. Bruckmann A.-G. den Künstler, den Verfasser und

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