Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 4./​5.1922/​23

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die Sammlungen der beiden ersten Mäzene im Anfang
des Jahrhunderts auf deutschem und auf englischem
Boden, des Prinzen Eugen in Wien und des Herzogs
von Marlborough in Blenheim — Castle, welche beiden
großen Feldherrn und Staatsmänner ja übrigens Jahre
hindurch in den Niederlanden und in Deutschland
Schulter an Schulter gegen Ludwig XIV. im Felde ge-
standen hatten. Freilich entwickeln die deutsche wie
die englische Kunst die aus dem romanischen Kunst-
kreis entnommenen Formen nach einer ganz verschie-
denen, durch die nationalen Besonderheiten bedingten
Kichtung. Bleiben wir bei dem eben angeführten Bei-
spiel: so tritt uns in dem von Lucas von Hildebrand für
den Prinzen Eugen errichteten Belvedere der auf räum-
liche und plastische Bewegung ausgehende deutsche
Barock, dagegen in dem von Vanbrough gleichzeitig für
Marlbourgh errichteten Blenheim die zu klassischer
Strenge neigende Grundtendenz der englischen Archi-
tektur des Barockzeitalters entgegen.

Beide Künste setzen auch getrennt ihren Weg in
das 18. Jahrhundert hinein fort. Um die Mitte des Jahr-
hunderts erreicht gerade die deutsche Kunst in der
Raumgestaltung und in der plastischen Formengebung
—• um nur das Porzellan zu nennen — ilire glänzendste
Entfaltung. Dieses letzte Eutwicklungsstadium vom
Barock zum Rokoko ist von der englischen Kunst kaum
noch mitgemacht worden.

Nun haben allerdings schon im späteren 17. und im
frühen 18. Jahrhundert mehrfache Berührungen
zwischen der deutschen und der englischen Kunst statt-
gefunden, ohne freilich das so verschiedenartige Bild
dies- und jenseits des Kanals zu ändern. Allbekannt ist
die ausgedehnte Tätigkeit des Soesters Peter Faes, ge-
nannt Lely und des Lübeckers Kneller als Porträtmaler
der englischen Hofgesellschaft und des Hochadels im
späteren 17. Jahrhundert. Sie sind die Fortsetzer der
höfischen Poträtkunst van Dycks, deren Tradition durch
die Revolution Cromwells unterbrochen worden war.
Auf dem Felde der Bildhauerei war ebenfalls ein IJeut-
scher, Cajus Gabriel Cibber aus Flensburg, nacli der
Restauration in London tätig. Er fertigte unter
anderem ein Relief für das Monument auf die große
Londoner Feuersbrunst von 1666 und lieferte zwei
nackte Figuren, die Melancholie und den Wahnsinn für
das Bethlehem-Hospital, jetzt im Guildhall-museum, von
deren letzterer das Kaiser Friedrichmuseum das kleine
Tonmodell besitzt. Er war, wie sein Zeit- und Stamm-
genosse Schlüter, ein Schüler des römischen Barock
(t 1700). Die italienische Oper und die Oratorien-
musik erlebte damals in London ihre Blüte durch unse-
ren Händel, der über Hannover unter Queen Anne dort-
hinkam. Seine bertihmte Wassennusik komponierte er

zu einem Feste, das Georg I. 1714 auf der Themse gab.3)
Zwischen der Londoner italienischen Oper und denen
der deutschen Höfe in Dresden, Berlin usw. fand ein
ständiger Austausch an Sängern, Tänzern und Dekora-
teuren statt. In der Friihzeit des Jahrhunderts lassen
sich in Berlin einige unmittelbare Beziehungen zur eng-
lischen Kunst feststellen. So wirkte bei der Ausstattung
der Schlösser in Berlin und in Charlottenburg seit dem
Jahre 1703 der englische Holzschnitzer King als Hof-
bildhauer, dem u. a. die prachtvollen holzgeschnitzten
Türen in den Gemächern der Sophie Charlotte in Char-
lottenburg zugeschrieben werden. Sein Bildnis von
Pesne hängt in den Königskammern. In den Zimmern,
die sich Friedrich I. um 1685 im Berliner Schloß ein-
richtete, fallen einige in geschnittenem Stahl und gra-
viertem Messing verzierte Türschlösser. von hervor-
ragender Technik auf, die die Bezeichnung: „Phill.
Harris Londini“ tragen. Von der gleichen Arbeit be-
sitzt das Schloßmuseum eine eiserne mit Stahl und
Silber auf Samt beschlagene Urkundenkassette mit der
Devise der Königin Maria von England (f 1694). Nun
zeigen auch die reicli mit Blumenmarquetterie oder mit
Lackmalerei verzierten Möbel Friedrichs I. und der
Sophie Charlotte, die namentlich in Charlottenburg und
im Hohenzollernmuseum erhalten sind, ebenfalls Be-
riihrungen mit den englischen Möbeln der Zeit von Wil-
liam und Mary und Queen Anne. Es werden sogar
wiederholt in den Schloßinventaren, z. B. in dem vom
Lustschlosse Bornim 1710 „englische Stülile“ genannt.
Handelt es sich hier um englische Fabrikate oder um
eine bestimmte Cattungsbezeichnung? Allein, bevor
nicht weitere Forschungen Licht in diese Saclie bringen,
ist anzünehmen, daß die Verwandtschaft dieser Möbel-
gruppen auf der gemeinsamen holländischen Quelle
ihres Stils beruht. Ähnlich wie es sich mit dem roten
Steinzeug von Gebrüder Elers in England und dem von
Plaue und Dresden verhalten mag, wo auch gemein-
same Anregungen von Holland zu Grunde liegen.4)
Friedrich I. von Preußen unterstützte seinen Vetter
Wilhelm III. von Oranien im Jahre 1688 bei der Er-
werbung des englischen Thrones. Der Hosenband-
orden, der heute noch aus allen Dekorationen Fried-
richs I. (vor 1701) herausblickt, hält die Erinnerung an
dieses Bündnis wach.

3) Wie stark übrigens unter Queen Anne auch dic englische
Poesie von dem galanten Stil der Zeit ergriffen ist, zeigt z. B. das
reizende Gedicht Popes The Rape of the Lock, das kürzlich in der
empfehlenswerten Pandorabücherei des Inselverlages eine leicht
zugängliche Ausgabe erfahren hat.

,J) Nämlich die Erzeugnisse van Eenhorns, Ary de Mildes
usw. John Philip und David Elers waren Holländer und kamen
um 1690 wahrscheinlich mit Wilhelm III. nach England. Merk-
würdiger Weise hat David Elers die Technik des braunen
salzglasierten Steinzeugs in Köln erlernt, wo er
nach seinen eigenen Angaben längere Zeit geweilt hat!

Schluß folgt.

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