Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Wmmert und auf jeden Fall seine Kunst immcrzu in ihrer reichsten Fülle ge-
nießen will, äußerr sich in dicsem Schrci nach Polyphonie, und man müßte es
mit Freude begrüßen, wenn ein siarkes Talent, allen Komponistensport ge-
flissentlich verschmähend, die Gewalt dcs schlichtcn musikalischen Ausdrucks in
einem Tendenzwerk wieder offenbarte. Schade, daß Bungert dieses Talent
nicht zu sein scheint, scinen bisher gehörtcn Opern wcnigstens kann eine solche
reformatorische Bedeutung nicht zugesprochcn werden. Polyphonic ist eine gar
herrliche Sache, aber wer sie als cooäitio 8ina gua non ciner crnst zu nehmen-
den Oper ausfaßt, macht sich einer verhängnisvollen, Wagners Jdee gewiß nicht
entsprechenden Uebertreibung schuldig und wird — in bester Absicht — zum
Gcschmacksverderber.

Es würde uns freuen, wenn sachverständige Gcgner unserer Ansicht dem
Kunstwart die ihrige mitteilen wollten, um einer Einigung der Mcinungen
nähcr zu kornmen. B.

Aebcr iknnstMege im /n)ttteistande.

3.

Ein Professor oder sogar ein Kommerzienrat ist in der Regel kein
Fürst, oder, was dasselbe sagen will: er verfügt nicht über Stellung
und Einkommen eines Fürslen. Aber das Parvenütum ist so tief ein-
gedrungen, daß es eine Sitte geworden ist, die jeder ganz gedankcnlos
mitmacht: aus seiner Wohnung eine reduzierte Fürstenwohnung zu
machen. Den Ausdruck seiner eigenen Stellung, seiner Mittel, des
eigenen Seins zu suchen, daran denkt niemand. Ohne jedes verlegene
Gefühl verleugnet man sic und wohnt liebcr in einer so armseligen
Karrikatur von Wohnung, wie sie keine Zeit außer der unseren gefunden
hat. Da gibt es das Vorzimmer, den Audienzsaal, den Thronsaal en
Iviviuture und, wenn man will, humoristisch umgestaltet. Alles ist da:
pompös geschnitzte Holzdecken (sie sind zwar aus Pappe und üillig bron-
ziert), riesenhafte Pracht-Kamine, die noch viel mehr Ornament zeigen,
als die im Schlosse, sammctne Thronhimmel, Zopf-Baldachine mit Quasten,
und dic üuntscheckigen Tapeten könnten die Bauern vielleicht gar für
Brokat halten. Alles ist Fabrikware, Jmitation, „Dekoration", Schwindel.

— Die Wohnung will ja nichts scin, sie will lcdiglich imponieren. Der
Sinn dafür, daß Alles, was da ist, vom Besten, vom Echtesten sein soll,
ihn gibt es auf diesem Gcbiet im großen und ganzen überhaupt nicht
mehr. Wenn's nur aus der Entfernung halb so aussieht, wie was
Vornehmes. Und wie wahrhaft vornehm und imponierend könnte doch
die schlichte, einfache Bürgerwohnung sein, in der auf jeden Prunk

— das Spmbol des hier fehlenden Reichtums — stolz verzichtet wnre,
in der aber alles bis auf jede Kleinigkeit hinaü echt und von einem
auserlesenen Geschmack geschaffen wäre! Man sollte meincn, daß ein
jeder „gebildete" Mensch solch Programm unterschreiüen müßte, menn er
nur ein wenig Wahrheitsgefühl, Selbstbewußtsein und Schönheitssinn im
Leibe hätte.

Wie könnte ein solches Heim wohl aussehen?

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