Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Den bängsten Tranm begleitet
Lin heimliches Gefnhl,

T>aß alles nichts bedentet,

Und wär's auch noch so schwül.
Da sxielt in nnser weinen
Lin Lächeln hold hinein,

Ich aber möchte meinen.

Lo sollt' cs

vonj

Dichtu»«.

* Wer liest noch Wolfgang
Menzel? Man empfand es mit einer
gcwifsen Neberraschung, als am 2,. Juni
einige Tageszeitungen seines hundert-
sten Geburtstages gedachten, aber frei-
lich, auch sie kamen meistens zu dem
Schluß: merkwürdig ist eS, daß solch
cin Mann einst großes Ansehen ge-
nossen hat, und ganz in der Ordnung,
datz ihn heut keiner mehr liest. Stimmt
man dem letzteren Satze zu? Wir
meinen, das wird daoon abhängen,
ob man zu denen gehört, die nur
lesen mügen, was sie „unterschreiben
können." Starke Naturen, welche die
Bcfruchtung durch andersgeartete Kräfte
zu schützen wissen, werden immer gern
wieder einmal im Menzel lesen. Denn
die ganze deutsche Literaturgeschichte
hat keinen Mann, der mit so viel
Geist und mit solchcr Schärfe die „an-
dere" Seite der Dinge beleuchter, die-
jenige, die von der allgemeinen Mei-
nung im Dunkel gelassen wird und
von der man sich doch ein Bild
machen mutz, damit aus Silhouetten
Körpcr werden. Sich mit Menzel
gründlich auseinanderzusetzen, halte
ich für eine der besten Geistes-Schul-
ungcn, und es käme mir unrecht vor,
mit diesem Glaubensbekenntnisse heut
zurückzuhalten.

* Ostpreutzen, das chedem literarisch
so fricdliche, das plötzlich, seit die
Agrarier klagen, gangbare Poesiewaren
produziert, hat wieder eine neue „cchte
Volksdichterin" entdeckt. Das „Kö-
nigsberger Tageblatt" verschänkt aus
ihrer „frisch und hell sprudelndcn
Quellc" cinen Labetrank zur Probe,
datz alles echt sei, „innig und sinnig"

immer sein i

Tage.

bei „fraglos hoher poetischer Be-
gabung":

Das Dörfchen am Flusse.

Glückliche Menschen im Dörfchen am
Flusse:

Alle so frei in der ländlichcn Tracht!

Dürfen nicht bangen, den Rock zu zcr-
drücken,

Dürfen nicht nehmen die Schleppe in
Acht;

Dürfen die Rede nicht drehen und
wägen,

Nicht im Salon auf Parkett sich be-
wegen —

Ländliche Sitten und ländliche
Freuden:

Dörfchen am Flusse, du bist zu be-
neiden."

Die Dichterin hat, so viel wir wissen,
sonst noch keinem Menschcn etwas böses
gethan, und so wollen wir ihren Namen
verschweigen. Manche Gedichte der
Frau Ambrosius sind ja auch nicht viel
besser. Der Aufsatz des „Königsberger
Tageblatts" ist abcr cin cbenso lustiger
wie bezeichnender Bcitrag zur Lehre
vonden Moden: wegen solcherVerse
also wird heute Einer oder Eine in
das Gefolge Apolls versetzt, wenn man
sie nur auf einem Dorfe findet.

TheatC'.

* Die Leib-Klatsche. Jn
einem Prozesse des Tenoristen Tamagno
ergab es sich, datz Tamagno bei seincn
Gastreiscnstets von einer„Leib-Claguc"
ven acht Personen begleitet ist, für die
der Jmpresario vier Sperrsitze und
vier Plätze auf der Galerie zu liefern
hat. Für Gastspielreisen des grotzen
Künstlers in Deutschland ist es viel-
leicht nützlich, wenn man sich das merkt.

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