Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Die „Ueberwindung Wagners" ist nun schon seit manchem lieben
Jahr die unverhohlene Sehnsucht unserer Komponisten und Aesthetiker.
Welch ein Probieren und Spekulieren, um dem zwingenden Bann zu
entsliehn, und immer vergebene Müh! Denn auf Schritt und Tritt
klirrt die Kette, womit der Uebermächtige die Epigonen an sich gefesselt
hält, ja sie klirrt um so vernehmlicher und lauter, je mehr sich jene
dagegen sträuben oder krampfhaft streben, sich loszureißen.

Freilich liegt die Sache in Wahrheit nicht so schlimm, wie's den
äußeren Schein hat. Wenn die Opernkomponisten von heut aus dem
Wagnerstil nicht hcraus können, so mögen sie eben drin bleiben. Es
muß ja nicht immcrzu fortgeschritten und Umsturz getrieben werden, es
quillt neues Leben nicht nur aus Ruinen. Grillparzers Maxime: „habe
Talent und schreib was du willst" läßt sich in gewissem Sinne auch
dahin erweitern „schreib, wie du willst", meinetwegen Bachisch, Mozar-
tisch, Schumannisch, Lisztisch, also auch Wagnerisch. Aber eigenes Talent
muß vorhanden sein, Talent, das dermaßen zu interessieren, das so weit zu
fesseln vermag, daß man vergißt, den Stil zu untersuchen, in dem es
sich ausspricht. Kommt dann schließlich einmal nach den Talenten das
Genie, kommt einc schöpferische Kraft allerersten Ranges, die selbst wieder
Schule macht, so ist der Zauber ganz von selbst gelöst und eine neue
Aera angebrochen.

Diejenigen, so den Fortschritt um jeden Preis vertretcn und Wag-
ners Kunstwerk als Durchgangs- und Entwicklungsstadium der Spezies
„Oper" betrachten, sind durch die fruchtlosen Versuche der besten Künstler
unserer Tage, über Wagner hinauszukommen, jetzt allerdings in nicht
geringer Verlegenheit.' Aber wie, wenn Wagners Kunstwerk — rein
formal betrachtet — bereits der Gipfel eincr Entwicklung, etwas in sich
Vollendetes wäre, so daß jeder Wunsch nach Vervollkommnung eitel hieße,
und jeder Vcrsuch zur Umbildung notwendigerweise eine Verschlechterung
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