Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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Wachsen und Verschmelzen zwischen Zittersünkchen und Lichtseen, zwischen
leuchtendem Aufglühen, dunkelndem Ersterben und blinkendem Wiederauf-
erstehn! Dann die gewaltigen, schweigenden Bewegungen der Wolken
droben! Erst wer die Bewegungsgefühle in sich, jc nachdem, nach-
ergänzen oder auswählend nur anklingen lassen kann, „h at" das alles . . .

Jmmer und immer wieder müssen wir darauf dringen, einem
schwächlichen „Aesthetizismus" abgewandt, den Kunstgenuß als Führer
zum Lebensgenuß, zum Lebensgenutz freilich im höchsten Sinne, zu be-
trachten. Wie soll das kräftig geschehen, wenn nicht vom Städter die
Sommerreise tapfer dazu benutzt wird? A.

KrMscber Ikebraus.

Wenn ein Zeitungsjahr zu Ende geht, dann möchte mau auch mit dem
großen Bücherhaufen, der einem zur Beurteilung vorliegt, aufräumen, um Platz
für das Neue zu schaffen. Aber nun kann man mit dem besten Willen nicht
mehr alles so lesen, wie man es sonst zu thun pflegt, und auch nicht abwarten,
bis einem Gedanken über die gelesenen Bücher kommen. Der kritische Kehraus
wird daher niemals viel mehr als eine Registrierung sein. Natürlich steht nichts
im Wege, das ein nochmaliges Heroorheben eines oder des andern Buches
verhinderte.

Das künstlerisch bedeutendste Werk, das ich hier zu nennen habe, ist
Walther Siegfrieds Novelle „Um der Heimat willen" (Schuster L Loeff-
ler, Berlin), an Tragweite zwar mit dem „Tino Moralt^ desselben Dichters
nicht und auch wohl kaum mit dem „Fermont" (den ich nicht kenne) zu vergleichen,
aber unzweifelhaft eine tüchtige Leistung, im ganzen gut fundiert und im ein-
zelnen schlicht, doch kräftig ausgeführt. Zu dcn elementaren Dichtern gehört,
wie mir auch schon der „Tino Moralt' bewies, Siegfried nicht, er ist eine „ex-
klusive'" Künstlernatur und wird darum auch stets nur die Gemeinde der Ex-
klusiven, die sich mit der Gemeinde der ästhetisch tiefer Veranlagten und Ge-
bildeten zwar berührt, aber keineswegS deckt, lebhafter fesseln. — Ueber Konrad
Telmanns Werke habe ich im Kunstwart öfter berichtet; er war nicht mehr
als ein talentvoller Unterhaltungsschriststeller Spielhagenscher Richtung, seine
Zeitromane hatten alle ein starkcs sensationelles Element. Nun ist aus seinem
Nachlasse noch ein Roman ,Das Ende vom Licd" erschienen (Carl Reißner,
Dresden), der, im Kcrn zwar auch sensationell, doch durch die relativ natür-
liche Behandlung einen günstigen Eindruck macht und ohne Zweifel zu den
besten Wcrken des Verstorbenen gehört. — Adalbert von Hansteins
Roman aus dem modernen Berlin „Zwei Welten"' (Berlin Max Schild-
berger) nähert sich dem Zeitroman Wilbrandtscher Richtung, ist nicht ohne inter-
essante Gestalten und geistvolle Ausführungen, doch zum teil auch sensationell
und psychologisch wenig überzeugend.

Eine Sammlung, die zwar das, was sie im Titel verspricht, nicht gerade
gibt, aber doch Verbreitung verdient, sind Ernst Brausewetters „Meister-
novellen deutscher Frauen" (Verlin, Schuster L Loeffler), Beiträge
von Helene Böhlau, Jda Boy-Ed, Anna Croissant-Rust, Juliane DLry, Marie
von Ebner-Eschenbach, Jlse Frapan, Adine Gemberg. Marie Eugenie delle
Grazie, Maria Janitschek, Emilie Mataja, Charlotte Niese, Gabriele Reuter,
Ernst Rosmer, Ossip Schubin, Bertha von Suttner, Clara Viebig, und Cha-
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