Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 11,2.1898

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damit sie als toter Wiffenswust aufgestapelt oder höchstens zum Klugschwätzen
und Kritisieren verwendet werden, sondern damit sie in Fleisch und Blut und
erhöhtcn Takt übergehen, unbewußt wieder unser Verhalten bestimmen und so
erst cinen wahrhaft gutcn Geschmack erzeugen, auch sürs alleralltäglichste Leben.

Larl lVeitbrecht.

Meber die Lrbllltung der lliolkstrucbten.

(Schlutz.)

Wir führen all das nur an, um auf die innere Unberechtigung der ewig
wechselnden Modetracht zu verweisen, wissen aber recht gut, datz wir damit den
trotzdem bestehenden Zwang der Mode, der im Herdeninstinkt der Menschen
wurzelt*, nicht aus der Welt schaffen. Wir argumentieren aber so: hat die
Modetracht keine innere Berechtigung, weder in Rücksicht auf ihre ästhetische
Wirkung, noch als Ausdruck der allgemeinen Stimmung, so haben wir ein
volles Recht, uns zu freucn, wenn irgend wo erfolgreich Bresche gelegt wird
in die langweilige Ei nfö rm i gkeit der von irgendwelchen Modekönigen
dekretierten Allerweltsmodetracht. Am nächsten aber liegt da offenbar die Be-
wahrung der Volkstrachten, der Dialekte der Kleidung, der bei ein-
zelnen Volksstämmen, in einzelnen Thälern des Gebirgs u. s. w. setzhaft ge-
wordenen Trachten, die unser Auge erfreuen zum wenigsten durch die Kraft
ihrer Farben und durch den Reiz ihrer Mannigfaltigkeit. Wer je in Schwaben
gewandert und da an der bunten Vielgestaltigkeit der Volkstrachten sein Auge
gelabt hat, wird auch empfunden haben, wie viel interessanter eine solche Fahrt
ist, als etma eine Fahrt durch sächsische Dörfer, wo man überall nur die je-
weilige städtische Tracht in ländliche Plumpheit gewandelt wieder findet. Wir
müssen deshalb nur wünschen, datz das Beispiel des Freiburger Vereins recht
zahlreich Nachfolger sinde, datz aller Orten, wo noch eine Volkstracht vorhan-
den ist, sich Volkstrachtenvereine bilden, die in gleicher Weise wirken wie jener.
Es ist dabei nicht nötig, datz jede Einzelheit einor überlieferten Volkstracht als
ein unantastbares Heiligtum betrachtet werde. Wenn es möglich ist, etwas
wirklich Hätzliches oder Unpraktisches durch etwas Besseres zu ersetzen, warum
sollte man dies durchaus vermeiden? Wir höron ja von Friedrich Hottenroth,
datz die Volkstrachten auch in früheren Zeiten Aenderungen erfahren haben.

Freuen dürfen wir uns auch, wenn jetzt z. B. durch die Radfahrcr und
ihre besondere Tracht Bresche gelegt wird in den Zwang der Allerweltsmode-
tracht, zu deren Gunsten nichts angeführt werden kann, als der Herdeninstinkt.
Es ist lächerlich, daß die Radsahrertracht, wie jüngst die Zeitungen berichteten,
von einem Amtsrichter als nicht anständig bezeichnet und ein in solcher vor
Gericht erschienener Herr wegen Ungebühr in Strafe genommen oder wenigstens
verwarnt worden ist. Es kann doch wahrlich nicht mehr verlangt werden, als
datz man in reinlicher und unzerrissener Tracht vor Gericht erscheine; ganz
sicherlich werden die Radfahrer, deren Zahl ohnehin mehr und mehr wächst,
in dem Kampfe gegcn ein so unberechtigtes Vorurteil schließlich den Sieg
davontragen. Es ist gar nicht cinzusehen, warum eine Kniehose weniger an-
ständig sein sollte als eine lange Hose (neuerdings ist sie ja sogar am preutzi-
schen Hofe wieder als Festtracht eingeführt worden!); schöner ist sie jedenfalls,

*) Dcr Herdeninstinkt spielt aber auch bei der Volkstracht und zwar sehr
ftark mit. Ob die Herde grötzer oder kleiner ist, begründet das einen Wesens-
unterschied? A.
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