Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 12,2.1899

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Grundsälze moderner Ltreraturgescbicbtscbrelbung.

Man könnte sagen, das Thema sei noch nicht spruchreif. Aber wie es
überhaupt das Kennzeichen eincr krankhaft eiligen Zeit ist, sich möglichst schnell
in geschichtlichen Zusammenfassungen zu begraben — man könnte höflicher
schreibcn: „sich über sich selbst in historischen Ueberblicken klar zu werden" —,
so haben auch wir in der neuesten Litcratur schon Ansätze zu einer Geschicht-
schreibung, die im Folgenden ein wenig an einem Beispiel geprüft werden soll.

Dabei denke ich, um zunächst beim Allgemeinen zu bleiben, nicht vor-
wiegend an das, was man in den letzten Jahren über den Zeitgeist hat lesen
können. Greifen doch diese Darstellungcn in der Negel bis auf Kant zurück,
betonen auch die rein philosophischen Entwickelungcn mit seltenen Seitenblicken
auf ihre literarische Ausgestaltung zu sehr. Es ist doch sehr fraglich, ob män
zum Verständnis unserer Literaturbewegung über die Jungdeutschcn weit hinaus-
zugehen braucht. Sicher aber ist, datz sie bis in die jüngste Gegenwart ver-
folgt werden mutz, weiter also als die Geschichten des Zeitgeistes, die am
liebsten rnit dem Untergang der Hegelschen Schulen aufhören möchten, zu thun
pflegcn. Die Anforderungen an den idealen Literarhistoriker von heute sind
andere. Sie sind darum nicht minder hoch, nein, sie sind von den Wenigsten
erreichbar. tzat sich doch das Arbeitsgebiet in den letzten Jahrzehnteu bedeutend
erweitert, zunächst innerhalb der Literatur selbst, dann, so parodox es klingt,
über sie hinaus. Damit käme ich zu meinem ersten Grundsatz: die moderne
Literaturgeschichte kann keine nationale, sie kann nur noch
eine europäische sein. Eines Beweises dafür bedarf es für den einiger-
mahen in literarischen Dingen Bewanderten nicht mehr. Man braucht nur
daran zu erinnern, datz für unsere moderne Bewegung der Anstoh nicht nur,
sondern auch die dauernde Befruchtung aus dem Auslande kam; dah auch
heute noch, so deutlich ihre Tendenz, national zu werden, ist, Motive auS
Kopenhagen, Moskau und Paris recht hörbar mitanklingen, dah endlich der
deutsche Zweig dieser jungen Weltliteratur zum mindesten nicht der bedeutendste
ist. Einmal die Notwendigkeit einer universalen Literaturgeschichte anerkennend,
sieht sich der Arbeiter vor einem unermetzlichen Gebiet. Es ist so groh und
reich, dah er bei mangelnden Vorarbeiten Anderer allein nicht fertig zu werden
vcrmag, dah er vieles aus zwetter Hand nehmen und sich zunächst auf die
Grundzüge bcschränken muh. Dem deutschen Spezialistentum kann das am
Ende nichts schaden. Damit soll natürlich eine bestimmte Art nationaler Lite-
raturgeschichtschreibung nicht zum Tode verurteilt sein. Jede Nation muß viel-
mehr für sich eine Art Statistik ihrer literarischen Landesprodukte anfertigen
nnd dabei das Eigentümliche, national Bedingte gerade ihrer Stofswahl und
Stoffbearbeitung ans Licht stellen. Wer aber die Entwickelung ganz verstehn
und auf den ganzen komplizierten Apparat moderner Geschichtschreibung nicht
verzichten will, muh sein Arbeitsfeld auch jenseits der Grenzpfühle suchen. Ein
Trost ist immerhin, dah jede Nation mit der Zeit das Bedürfnis nach univer-
saler Darstellung der Literaturgeschichte empfinden und ihrerseits die gleiche
Aufgabe in Angriff nehmen wird; so arbeiten sie einander in die Hände und
man darf auch den bcsten Ersolg hoffen.

Doch es ist damit noch nicht genug. Die Grundzüge einer einheitlichen
Weltanschauung müssen nichtnur durch die Literaturen dermodernenKultur-
völker hindurch verfolgt werden, sie sind ebenso fühlbar und in bedeutsamen
Varianten in ihrer Kunst zu finden. Nicht als ob diese Beobachtung nur für
Kunstwart

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