Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 16,1.1902-1903

Seite: 486
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Iäolf Oberläncler.

Jn diesen Oktobertagen waren es fünfnndzwanzig Jahre, daß man
in ganz Deutschland ein nationales Feft beging, den fünfzigften Jahres-
tag der Schlacht bei Leipzig, ein Feft, welches nach der Korrespondenz
eines großen Pariser Blattes in Süddeutschland so wenig Anklang ge-
funden haben sollte, daß man es in der bayerischen Hauptstadt beispiels-
weise „in einem Keller" abhalten mußte. Zu den frohesten unter den
frohen Festgüsten, welche damals auf dem prächtigen Augustinerkeller
den deutschen Sieg feierten, gehörte auch ein junger achtzehnjähriger
Künstler, welcher neben dem Nationalfest noch ein kleines persönliches
beging. Er hatte an diesem Tage den bescheidenen Grundstein gelegt
zu einer künstlerischen Tätigkeit eigener Art, deren Erfolge zwar noch
in der Zukunft schlummerten, welche aber heute nach fünfundzwanzig
Jahren der ganzen kunstliebenden Welt im weitesten Sinne des Wortes
lieb und vertraut sind. Der junge Mann hatte nämlich eine Zeichnung
bei der Redaktion der „Fliegenden Blätter" untergebracht, und der welt-
kluge, menschenkundige Kaspar Braun, welcher für jedes Künstlertum
eine so gute Witterung besaß, hatte ihn merken lasfen, daß er in steter
Beziehung zu ihm zu bleiben gewillt sei.

So feiern wir denn heute wieder ein Jubiläum, das jenes Künst-
lers, ohne den man fich die „Fliegenden Blätter" nicht mehr denken
kann, Adolf Oberländers.

Ehe wir von dem Jubilar felbst reden, fei uns ein Rückblick auf
den Schauplatz seiner Taten gestattet. Was die „Fliegenden Blütter"
für die deutsche Kunst und deren Eutwicklung waren und noch sind, ist
zwar in keinem der Kunsthandbücher, welche den Tageserfolg der künst-
lerischen Produktion zu registrieren pflegen, zu lesen, es bedarf aber nur
des Hinweises auf diese merkwürdige Produktionsstätte künstlerischer Ge-
bilde, um einzusehen, daß sie ganz ungezwungen zu einem wesentlichen
Faktor in der Entwicklung des deutschen Kunstgeistes werden mußten.
Wenn wir sagen, daß in den „Fliegenden Blättern" die Kunst vielfach
einen wahreren und reicheren Ausdruck gefunden hat, als in der kon-
ventionellen Bilderproduktion, wo sie so häusig nur ein bestechendes
Bildungsresultat und des Nachweises ihres llrsprungs aus einer wirk-
lichen Künstlernatur, die nicht nur dichten kann, sondern muß, über-
hoben ist, so mag das heute noch paradox erscheinen. Wer aber die
vierzig Jahrgünge dieser Zeitung durchblättert, wird in ihnen, wenn
auch in der bescheidenen Form von Zeichnungen, so viele Kunstschöpfungen
reinster Art niedergelegt finden, die, unabhängig von ihrem scherzhaften
Texte, das Bleibende ihres Wertes schon dokumentiert haben, daß sie
aneinandergereiht ein stattliches Museum abgeben würden. Und dieses
Museum ist reicher an Kunst als mancher moderne Bildersaal, der voll
von berühmten Bildern hängt, die zu neun Zehnteln von Jahr zu Jahr

* Aus: „Adolph Bayersdorfers Leben und Schriften. Aus seinem Nach-
lasse herausgegeben von Hans Mackowsky, August Pauly, Wilhelm Weigand.
Mit zwei Bildnifsen. München, Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. zooL."
Wir kommen auf dieses wertvolle Buch binnen kurzem zurück.

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