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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 17,2.1904

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Heft 21 (1. Augustheft 1904)
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Bölsche, Wilhelm: Die Auferstehung des Religiösen durch die Kunst, [1]
DOI article:
Winds, Adolf: Der Einfluss der modernen Dichtung auf die Schauspielkunst
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https://doi.org/10.11588/diglit.7886#0456

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Es ist eine zweite Natur, eine höhere, entwickeltere in Strauß selber
gewesen, die ihm diesen Streich gespielt, unbewußt gespielt. Jn seiner
logisch salschen Konsequenz steckte ein intuitives Revoltieren gegen einen
Fehler der Prämisse. Doch um das deutlich zu sehen, mußte ich erst
ein Stück weit miterleben von dcr logisch richtigen Konsequenz.

Es gab und gibt einen ganzen Flügel im modernen Freidenker--
tum, der den Mut der Konsequenz hat. Sein Gedankengang ist unge-
fähr folgender: Die Evangelien etwa sind eine rein menschliche Dich-
tung. Deshalb sind sie wertlos für jede ernste Betrachtung, die auf
Weltanschauung ausgeht. Voraussetzung: Daß eben die Dichtung, die
reine Phantasieschöpfung, stets etwas ganz Luftiges, Jllusionäres, ein
buntes Scherzspiel ist, ein höherer Sport, der müßige Leute über müßige
Stunden forttäuscht, eine bloß im Grade etwas feinere Stufe dicht
über Skatspielen; ein Märchenerzählen für große Kinder, das am
Ende aber doch alle die Bedenken hat wie die Märchen für Kinder,
die auch besser abgeschafft und durch Belehrungen über die Umdrehung
der Erde ersetzt würden. Das wird denn auch zugegeben, und so ist
schließlich folgerichtig auch der „Faust" eine ganz minderwertige Sache,
die wir nicht vermissen würden in einer Zeit fortschreitender Technik
und vervollkommneter Kenntnis der Natnrgesetze. Ein edler, vortreff-
licher Mann von hervorragendcr Ehrlichkeit in der Konsequenz seines
eigenen Denkens, der früh verstorbcne Berliner Philosophieprofessor
Georg v. Gizycki, hatte diesen Pnnkt nngefähr schon erreicht: er sah
im „Faust" nur mehr ein schädliches Produkt; er gab dabei noch zn,
daß die Dichtung zu dulden sei, wo sie pädagogische Zwecke verfolge,
aber selbst solchen Hilfszweck konnte er im „Faust" nicht mehr aner-
kennen. Hier war die Konsequenz, jawohl. Jch hatte aber doch das
Gesühl, daß nun ein Punkt erreicht war, wo unbedingt die Voraus-
setzung selbst einer Revision bedurfte. (Fortsetzung folgt.)

ver Cinfluss äer rnoäsrnen Niektung au? äis Lckauspielkunsl.

Kommen für die Bewegung in der Literatur äfthetische Gesichts-
punkte in Betracht, so ist die Schauspielkunst noch mehr an gewisse
physiologische und psychologische Grundgesetze gebunden, denn die Anf-
nahmefähigkeit der menschlichen Sinne richtet ihre bestimmten Schranken
auf. Eine Erfahrung wird hier den Ausschlag geben: was auf dem Wege
durch die Einbildungskraft wahr- und aufgenonrmen wird, wirkt nicht
mit derselben Unmittelbarkeit nnd Stärke auf die Sinne, wie Vorgänge
des realen Lebens. Wer langsam an einer Statuc vorüberfährt, wird
schwerlich mehr als ein flüchtiges Bild von dem Kunstwerk erhalten,
aber selbst dem blitzschnell Fahrenden wird das verzerrte Gesicht des
Menschen, den er etwa überfahren sieht, sich unauslöschlich in das
Gedächtnis prägen.

Was für die Aufnahme gilt, gilt im gleichen Grade für das
Schaffen. Aus der eigenen Empsindung, dem eigenen Denken heraus
werden Muskel und Sprechwerkzeuge ohne weiters in Rede, Geste,
Ausdruck umgesetzt; die auswcndig gelernte Rede dagegen reizt den
Nerv, der sie den Sprechwerkzeugen übermittelt, und den, der die
richtigen Gesten auslöst, nur in geringem Grade, und der innere

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