cingangs zum Gegenstande mciner Ausführungcn machte, waren in allen
Fällcn wenigstens so pietätvoll, an dem Nrtext ihrcr Opfer keine wesent-
lichen Veränderungen vorzunehmen. Es gibt aber anch Menschen — nnd
sie hat's auch schon früher gegeben —, die nicht davor zurückschrecken, mit
den schönen Werken nnserer Meister ganz nach Willkür umzuspringen, sie
modisch aufzufrisieren und zu Paradestücken der Bravonr-Technik herabzu-
würdigen. Oder sind diese Ausdrücke etwa zu stark, wenn man sich bei-
fpielsweise vergegenwärtigt, daß Webers Ausforderung zum Tanz zu einer
Bearbeitung „sür den Konzertvortrag" hat herhalten müssen, noch dazn
einem Künstler, dessen Namen man im übrigen nur mit Achtung nennen
hört? Und wie's in diesem Falle Tausig gemacht hat, so ahmen es die
Virtuosen unserer Tage nach. Jch war im vorigen Jahre Zeuge, wie ein
bekannter Pianist seine Technik dazu mißbrauchte, in einem öffcntlichen Konzert
Chopins Oss-äur-Walzer, unter dem Namen „Minutenwalzer" bekannt, in
Terzen vom Stapel zu lasscn. Herr Moritz Rosenthal hat diese Bearbei-
tilng, die eine harmlose Tändelei zu einer „Glanznummer" der Tcchnik
gemacht hat, auf dem Gewisseu. Und in der Reichshauptstadt geschah es,
daß solche Geschmacklosigkeit ohne vernehmbarcn Widerspruch mit tosendenr
Beifall überschüttet wurde! Jn dicscm Jahre waren noch größere Taten
in Aussicht gcstellt: „Bearbeitungcn" Chopinschcr Etüdcn und anderer Stücke
„für den Konzertgebrauch" und sogar Zusammenschweißungcn mehrerer dieser
Etüden zu eincm Stück — erdacht und gespiclt von Herrn Leopold Godowsky,
dem berühmten Pianisten! Nur werde ich mich wohlweislich hüten, diese Quä-
lereien wieder mit anzuhören; das Stammpublikum der unzähligen „Klavier-
Abende" des Berliner Musikwinters wird diesen Hohn aber wohl nicht nur
über sich ergehen lassen, sondern ihm ebenso zujubeln wie dem Terzen-
kunststück Herrn Freudenbergs. Jch habe es als ein erfreuliches Zeichen
betrachtet, daß die Aera dcr Liszt-Thalbergschen Opernphantasieen und Lied-
transskriptionen vorüber ist; daß man sich trohdem noch mit Beyagen mit
solcher Afterkunst speisen läßt, beweist aber wohl, daß ich zu optimistisch
gcwesen bin. Dürfte man nicht zur Selbsthilfe greifen? Schon ein ver-
cinzeltes Auspfeifen derartiger Heldcntaten dürfte weitum reinigend wirken.
Aber ach, vorläufig ist noch der Z ll im Schwunge: Es wird fort
„bearbeitet"! Richard Fricke.
Oie lluferslekung cies keligiösen ckurek äie Runsl.
(Schluß.)
Es ist meine fcste Ueberzeugung, daß für das ganze Wohl nnd
Wehe des Religiösen in unserer Zeit tatsächlich die Entscheidung in
der Stellungnahme zum Dichterischen, zum Aesthetischen liegt. Es ist
kein Zufall, sondern eine tiefste und heilsame Notwendigkeit, eine wahre
Selbstregulierung im höchsten Geistesprozeß der Menschhcit, wenn wir
im Kampfe um das Religiöse jetzt endlich ganz konsequent vor die Alter--
native gedrängt werden: der bisher wirkende größte Jnhalt des Reli-
giösen ist Dichtung, nun so gilt die Frage: heißt das, er ist wertloses
Kinderspiel und schädliche Jllusion, oder heißt es, daß jetzt erft die
eigentliche Weihe des heiligen Geistes in der Menschheit darüber aus-
gegossen ist und daß er jctzt erst Anschluß hat an das ganz Große,
2. Augustheft tS04
Fällcn wenigstens so pietätvoll, an dem Nrtext ihrcr Opfer keine wesent-
lichen Veränderungen vorzunehmen. Es gibt aber anch Menschen — nnd
sie hat's auch schon früher gegeben —, die nicht davor zurückschrecken, mit
den schönen Werken nnserer Meister ganz nach Willkür umzuspringen, sie
modisch aufzufrisieren und zu Paradestücken der Bravonr-Technik herabzu-
würdigen. Oder sind diese Ausdrücke etwa zu stark, wenn man sich bei-
fpielsweise vergegenwärtigt, daß Webers Ausforderung zum Tanz zu einer
Bearbeitung „sür den Konzertvortrag" hat herhalten müssen, noch dazn
einem Künstler, dessen Namen man im übrigen nur mit Achtung nennen
hört? Und wie's in diesem Falle Tausig gemacht hat, so ahmen es die
Virtuosen unserer Tage nach. Jch war im vorigen Jahre Zeuge, wie ein
bekannter Pianist seine Technik dazu mißbrauchte, in einem öffcntlichen Konzert
Chopins Oss-äur-Walzer, unter dem Namen „Minutenwalzer" bekannt, in
Terzen vom Stapel zu lasscn. Herr Moritz Rosenthal hat diese Bearbei-
tilng, die eine harmlose Tändelei zu einer „Glanznummer" der Tcchnik
gemacht hat, auf dem Gewisseu. Und in der Reichshauptstadt geschah es,
daß solche Geschmacklosigkeit ohne vernehmbarcn Widerspruch mit tosendenr
Beifall überschüttet wurde! Jn dicscm Jahre waren noch größere Taten
in Aussicht gcstellt: „Bearbeitungcn" Chopinschcr Etüdcn und anderer Stücke
„für den Konzertgebrauch" und sogar Zusammenschweißungcn mehrerer dieser
Etüden zu eincm Stück — erdacht und gespiclt von Herrn Leopold Godowsky,
dem berühmten Pianisten! Nur werde ich mich wohlweislich hüten, diese Quä-
lereien wieder mit anzuhören; das Stammpublikum der unzähligen „Klavier-
Abende" des Berliner Musikwinters wird diesen Hohn aber wohl nicht nur
über sich ergehen lassen, sondern ihm ebenso zujubeln wie dem Terzen-
kunststück Herrn Freudenbergs. Jch habe es als ein erfreuliches Zeichen
betrachtet, daß die Aera dcr Liszt-Thalbergschen Opernphantasieen und Lied-
transskriptionen vorüber ist; daß man sich trohdem noch mit Beyagen mit
solcher Afterkunst speisen läßt, beweist aber wohl, daß ich zu optimistisch
gcwesen bin. Dürfte man nicht zur Selbsthilfe greifen? Schon ein ver-
cinzeltes Auspfeifen derartiger Heldcntaten dürfte weitum reinigend wirken.
Aber ach, vorläufig ist noch der Z ll im Schwunge: Es wird fort
„bearbeitet"! Richard Fricke.
Oie lluferslekung cies keligiösen ckurek äie Runsl.
(Schluß.)
Es ist meine fcste Ueberzeugung, daß für das ganze Wohl nnd
Wehe des Religiösen in unserer Zeit tatsächlich die Entscheidung in
der Stellungnahme zum Dichterischen, zum Aesthetischen liegt. Es ist
kein Zufall, sondern eine tiefste und heilsame Notwendigkeit, eine wahre
Selbstregulierung im höchsten Geistesprozeß der Menschhcit, wenn wir
im Kampfe um das Religiöse jetzt endlich ganz konsequent vor die Alter--
native gedrängt werden: der bisher wirkende größte Jnhalt des Reli-
giösen ist Dichtung, nun so gilt die Frage: heißt das, er ist wertloses
Kinderspiel und schädliche Jllusion, oder heißt es, daß jetzt erft die
eigentliche Weihe des heiligen Geistes in der Menschheit darüber aus-
gegossen ist und daß er jctzt erst Anschluß hat an das ganz Große,
2. Augustheft tS04


