wir darauf beide zur Mutter hinübergingen, ergriff auch ihn die Gewalt
des Todes und machte sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich
über die Totc und begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein
Vogel, in hohen, schwachen Tönen. Jch ging weg und brachte den Nachbarn
die Nachricht. Sie hörten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir
die Hand und boten unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief
den Weg ins Kloster, um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war
schon eine Nachbarin in nnsrem Stall und versorgte die Kuh.
Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles
geschah pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne
unser Zutun bcsorgt nnd ich konnte zum ersten Mal deutlich sehen, wie
gut es in schweren Lagen ist, heimisch zu scin und einer kleinen, sicheren
Gemeinschast anzugehören.
KlMÄsckLU
Attgerneineres.
Ar Vom Allzugenauen.
„Die Dinge so betrachten, hieße
sie allzu genau betrachten!" mahnt
Horatio den Hamlet, als dessen zügel-
lose Phantasie ihm die „schnödcn
Bestimmungen" ausmalt, zu welchen
„der Mensch" nach dem Tode gelan-
gen kann: der „Staub Alexanders"
verstopft jeht vielleicht ein Spund-
loch. Daß dergleichen dem Staub
einer jeden Leiche begegnen mag,
läßt sich nicht bestrcitcn: trotzdem
verurteilt Horatio Hamlets Betrach-
tungsweisc, weil sie „allzu genau"
sei. Was heißt das? Kann man
etwas „zu genau" betrachten? Ein
Kunstwerk oder überhaupt irgcnd ein
Schönes gewiß, so daß man vor lauter
Aufnahme von Einzelheiten den Ge-
samtgcnuß versäumt: hier aber han-
dclt es sich um etwas rein Wissen-
schaftliches, um Wahrhcit und Welt-
anschauung. Plädiert da Horatio in
der Tat für eine unbckümmerte, alle
unangenehmen Wahrheiten ignorie-
rende Oberflächlichkeit? Meistens
dürfte die Stelle wohl so gedeutet
werden. Aber wäre das für eincn
Shakcspere nicht herzlich banal? llnd
könnte es zu dem ernsten Wescn
dcs Horatio stimmen? Daß er jene
Worte in einem philiströs-beruhigen-
den, gutmütig oder gar leichtfertig
ablenkenden Ton spräche, ließe sich
gar nicht vorstellen. Ncin: Shakespere,
der die Oberflächlichkcit nirgends vcr-
teidigt, sondern überall die letzten
Konsequenzen gezogen hat, meint hier
sicher etwas ganz anderes. Ernst und
bcdeutsam spricht Horatio seine Mah-
nung. Mit den „Dingen" meint er
die Sinnenwclt, das Materielle, die
Matcrie. Die Phantasie ist naturge-
mäß immer rein materiell; auch
Hamlets überhitzte und pessimistisch-
angekränkelte Phantasie vergrübt sich
im Materiellen. So wird ihr der
bedeutungslose Staub von Alexänders
Lciche identisch mit dem großen Ale-
xander selbst; und Hamlet spricht
von dcssen „edlem" Staube, von
den schnöden Bestimmungen, zu wel-
chen „wir" kommen. Horatio aber
weist ihn zurecht, indem er ihn warnt,
materielle Wahrheiten oder Möglich-
keiten nicht sv ernsthaft in Betracht
zu ziehen, ihncn nicht allzuviel Ehre
zu erweisen: hat doch der Geist und
die Persönlichkeit Alcxanders blut-
wenig mit den Atomcn zu schaffen,
die ihm einmal als Körper Vientcn!
Jn dem Satze „Die Dinge so be-
trachten, hieße sie allzu genau betrach-
ten" liegt auch auf dem „sie" ein
Ton; der große Jdealist Shakcspcre,
der Ueberwinder allcr Allzumensch-
lichkeiten ist cs, der hier durch den
Mund des Horatio spricht. Uebrigens
l. Scptemberheft 1904 483
des Todes und machte sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich
über die Totc und begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein
Vogel, in hohen, schwachen Tönen. Jch ging weg und brachte den Nachbarn
die Nachricht. Sie hörten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir
die Hand und boten unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief
den Weg ins Kloster, um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war
schon eine Nachbarin in nnsrem Stall und versorgte die Kuh.
Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles
geschah pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne
unser Zutun bcsorgt nnd ich konnte zum ersten Mal deutlich sehen, wie
gut es in schweren Lagen ist, heimisch zu scin und einer kleinen, sicheren
Gemeinschast anzugehören.
KlMÄsckLU
Attgerneineres.
Ar Vom Allzugenauen.
„Die Dinge so betrachten, hieße
sie allzu genau betrachten!" mahnt
Horatio den Hamlet, als dessen zügel-
lose Phantasie ihm die „schnödcn
Bestimmungen" ausmalt, zu welchen
„der Mensch" nach dem Tode gelan-
gen kann: der „Staub Alexanders"
verstopft jeht vielleicht ein Spund-
loch. Daß dergleichen dem Staub
einer jeden Leiche begegnen mag,
läßt sich nicht bestrcitcn: trotzdem
verurteilt Horatio Hamlets Betrach-
tungsweisc, weil sie „allzu genau"
sei. Was heißt das? Kann man
etwas „zu genau" betrachten? Ein
Kunstwerk oder überhaupt irgcnd ein
Schönes gewiß, so daß man vor lauter
Aufnahme von Einzelheiten den Ge-
samtgcnuß versäumt: hier aber han-
dclt es sich um etwas rein Wissen-
schaftliches, um Wahrhcit und Welt-
anschauung. Plädiert da Horatio in
der Tat für eine unbckümmerte, alle
unangenehmen Wahrheiten ignorie-
rende Oberflächlichkeit? Meistens
dürfte die Stelle wohl so gedeutet
werden. Aber wäre das für eincn
Shakcspere nicht herzlich banal? llnd
könnte es zu dem ernsten Wescn
dcs Horatio stimmen? Daß er jene
Worte in einem philiströs-beruhigen-
den, gutmütig oder gar leichtfertig
ablenkenden Ton spräche, ließe sich
gar nicht vorstellen. Ncin: Shakespere,
der die Oberflächlichkcit nirgends vcr-
teidigt, sondern überall die letzten
Konsequenzen gezogen hat, meint hier
sicher etwas ganz anderes. Ernst und
bcdeutsam spricht Horatio seine Mah-
nung. Mit den „Dingen" meint er
die Sinnenwclt, das Materielle, die
Matcrie. Die Phantasie ist naturge-
mäß immer rein materiell; auch
Hamlets überhitzte und pessimistisch-
angekränkelte Phantasie vergrübt sich
im Materiellen. So wird ihr der
bedeutungslose Staub von Alexänders
Lciche identisch mit dem großen Ale-
xander selbst; und Hamlet spricht
von dcssen „edlem" Staube, von
den schnöden Bestimmungen, zu wel-
chen „wir" kommen. Horatio aber
weist ihn zurecht, indem er ihn warnt,
materielle Wahrheiten oder Möglich-
keiten nicht sv ernsthaft in Betracht
zu ziehen, ihncn nicht allzuviel Ehre
zu erweisen: hat doch der Geist und
die Persönlichkeit Alcxanders blut-
wenig mit den Atomcn zu schaffen,
die ihm einmal als Körper Vientcn!
Jn dem Satze „Die Dinge so be-
trachten, hieße sie allzu genau betrach-
ten" liegt auch auf dem „sie" ein
Ton; der große Jdealist Shakcspcre,
der Ueberwinder allcr Allzumensch-
lichkeiten ist cs, der hier durch den
Mund des Horatio spricht. Uebrigens
l. Scptemberheft 1904 483


