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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

DOI issue:
Heft 1 (Oktoberheft 1926)
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Ortwin Rabe, Paul: Daniel Chodowiecki: zum 200. Geburtstag des Künstlers am 16. Oktober
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0023

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Daniel Chodowiecki

Zum 200. Geburtstag des Künstlers am 16. Okrober
Don Paul Ortwin Rave

an kann nicht sagen, daß der Name Chodotvieckis beim deutschen Volk

in Dergessenheit geraten wäre. Eine »Rettung«, wie sie so mancher Er-

^ ^ ^scheinung aus der deutschen Künstlergeschichte in den letzten Jahrzehnten
oft genug zu Recht zukam, tut in diesem Fülle nicht not. Jm Gegenteil: viellei'cht
crscheint der Ruhm dieses ManneS, der immer noch allgemein und weit verbreitet,
in Anbetracht seiner wirklichen Bedeutung übertrieben. Der Grund davon liegt in
den Bedingungen der deutschen GeisteS- und Kunstgeschichte und in dem häufig so
fraglichen Berhältnis des Deutfchen zur Kunst. Die darstellende Kunst blieb weit
hinter dem Aufschwung der Bildungswelt zurück, die sich vornehmlich im Geistigen
und Dichterischen aussprach.

Hat man mit der Andeutung dieser Lage zunächst einmal den Standpunkt wiedergs-
wonnen, von dem aus das Werk Chodowieckis zu beurteilen wäre, so erscheint einem
sein Schaffen, im ganzen betrachtet, bei allem Fleiß und Gfer, bei aller Sorgfalt
und Emsigkeit, bei aller wahrhaft rührenden Liebe zum Gegenftand und aller nicht
geringen Erfindungslust als eng, klein, hausbacken und steifleinen, oft rührselig,
oft trocken, leider allzu häufig ein wenig lächerlich und im Grunde stets bestimmt
von einer unerschütterlichen Bürgerlichkeit in der Wahl und Auffassung, in der
Durchformung und Darbietung seines GegenstandeS. Auch der anmutige Reiz, der
als Wesenszug des Rokoko-Zeitalters hie und da seinen Blättern eine gefällige Hübsch-
heit verleiht, darf nicht hinwegtäufchen über diese innere Kleinheit seiner Gestaltung,
der die äußere, oft bis zum Winzigen getriebene Berkläubelung seiner Mache ent-
spricht. Jn Wahrheit ein Kleinmeister, zwar ein Kleinmeister von Rang, aber
eben ein Kleinmeister. Und daß in ihm öer oorzüglichste Darsteller zeitgenössischen
Lebens gesehen wurde und immer noch, da kein anderer ihm an öie Seite zu stellen
wäre, gesehen werden muß, das wirft ein Licht auf die trostlose Leere künstlerischen
Empfindens, das für das Jahrhundert einer höchsten geistigen Regsamkeit geradezu
erstaunlich wirkt.

Chodowiecki war der Sohn polnischer Borfahren — lauter Kaufleuten, Advokaten,
Pastoren und Soldaten —, und legte öfters init Stolz und Nachdruck Wert auf seine
polnische Abstammung wie auf die richtige Aussprache seines mit einem fcharfen z
vor dem k gesprochenen Namens.

Mit vierzehn Jahren wurde er in seiner Baterstadt Danzig Kaufmannslehrling.
Später gestand er offen ein, die Entschließung zur Handelslaufbahn sei ihm leicht ge-
worden, um ein angesehener und behäbiger Mann werden zu können, während er
die Danziger Künstler, nur von den wenigsten geschätzt, eine dürftige und unterge-
ordnete Rolle habe spielen sehen.

Eine Wendung des Schicksals erfolgte, als ein Onkel den Siebzehnjährigen nach
Berlin zu sich in sein Gefchäft holte, wo er zu einer gelegentlich schon betriebenen
Geläufigkeit im Bemalen von Schächtelchen und Döschen nach beliebten Borlagen
nun auch noch die Gewandtheit im Berkauf derselben lernen sollte. Freilich bedeutete
der Wechscl des Wohnorts keine Schicksalswende im eigentlichen Sinne, wie denn das
ganze Leben Chodowieckis seine gleichmäßige und von keinerlei Leidenfchafts-Auöbrüchen
durchkreuzte Bahn geht — sehr im Gegensatz zu den beiden großen Künstlern, die Berlin
zu Beginn und Ende des 18. JahrhunderkS besaß: AndreaS Schlüter und Gottfried
Schadow. Chodowiecki malte eben an seinen Tabaksdosen und Schmucksachen weiter,
eignete sich auch das Berfahren der eben erfundenen und rafch in Mode gekommenen
 
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