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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 1 (Oktoberheft 1926)
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Capricornus, Samuel: Erkennen und Wissenschaft: zu Edgar Dacqués "Urwelt, Sage und Menschheit"
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Reichenbach, Hans: Die Auswirkungen der Einsteinschen Lehre
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0045

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dami't im Zusammenhang das Dermögen der „Natursichtigkeil" (als Jnbegriff der
magifch-dämonifchen Anlagen) festftellen zu können.

Eine völlig neue Ebene bezeichnen die Ausführungen des zwei'Len Hauptteils („Meta-
physik"), die besonders tvlchtig smd für das volle Derständnis des Werks. Dem popu-
lären Jnteresse kommen die hier niedergelegten Gedanken tvenig entgegen; sie setzen
eine beträchtliche Fähigkeit geistigen Sicheinlebens voraus („Denn wir gehen in die
Tiefe, zu den Müttern" — wie der Autor sagt). Jn sachlicher Hinsicht fällt jetzt
die Befchränkung auf den naturhistorifchen Gesichtskreis völlig hinweg; das für die
Gesamteinstellung entscheidende Motiv des Philosophisch-Religi'ösen rückt in den Mit-
telpunkt. Jn dem jetzt erreichten Zusammenhang handelt es sich überhaupt nicht mehr
um „wissenschaftliche", d. h. um Kausalerklärung, sondern um das Vordringen zu
einer vertieften, unter dem Gesichtspunkt des Symbolischen stehenden Anschau-
ung, d. h. um ein konkreteS Jneinssehen von Äußerem und Innerem, von sichtbarer
Wirklichkeit und geistigem Sinn — beherrscht von dem hohen Ziel eines verstehenden
Umfassens des Natur- und Menfchheitsganzen. Don einer inhalklichen Wiedergabe
in diesem Rahmen muß abgcsehen werden; nur der Umkreis der hier berührten Fragen
set angedeutet: die Bedeutung des Metaphysifchen in Natur und Mythus, Probleme
der Kosmogonie (in Derbindung mit einer eigenartigen EmanationStheorie der Menfch-
und Tierfchöpfung), die Polarität von Naturdämonie und Göttlich-Apollifchem im
Menfchenwesen, das Problem von Tod und Erlösung.

*

Ist nun dieses Werk die Tat eines RevolutionärS, deren Folgen sich nur in der Ber-
nichtung ehrwürdiger Werte, in der Sprengung bewährter Prinzipien äußern können?
Der revolutionierende, auf das werdende Neue hindrängende Zug gehört freilich zu
seinem Charakter. Aber daß ein Wollen, wie es in Dacques Leistung sich ausspricht,
nicht identisch ist mit dem des bloß niederreißenden, absolut negierenden Nur-Revolu-
tionärs, ist schon zu ersehen auS dem völligeu Fehlen des Moments des Fanatismus.
Immer wieder im Strom des großen geschichtlichen Geschehens kommt der Augen-
blick, in dcm es sich enthüllt, daß der Geist aus der alten Derfassung und den über-
kommenen Gesetzen gewichen ist. Und immer erheben sich dann solche Gestalten,
deren Tun äußerlich betrachtet das bcdrohliche Bild zerstörenden Radikalismus' bietet,
dcren wahre innere Haltung aber keine andere als die der Furchtlosigkcit und der Gläu-
bigkeit ist: Furchtlosigkeit gegenüber derMacht, die ausgeht von den einst mit Not-
wendigkeit geprägtcn, nun aber vielfach zu cinem Schibboleth, einem zu Überwindenden
gewordcnen Gesetzen; Gläubi'gkeit gegenüber dem nicht in den vergänglichen For-
men der Wisscnschaft befchlossenen Sinn und der Kraft, die der nie alternden Auf-
gabe echten Erkennens innewohnt. Solche Geftalten sind es, die einen Boden bereiten,
der Fruchtbarkeit verheißt, weil auf ihm sich ein neuer Sinn für das Mysterium zu
entfalten, weil auf ihm die Wissenfchaft selbst wieder dasjenige, womit sie je und je
wahrhaft begann, das Staunen,zu lernen vermag.

Die Attöwirkung ber Emsieinschen Lehre

Bon Hans Reichenbach

<^^ie große Welle öffentlichen Interesses, die vor einigen Iahren Einfteins Rela-
^ stivitätstheorie zuströmte, ist abgeklungen. Dersuchen wir jetzt, das Fazit zu
ziehen, das diese Bewegung gebracht hak, so werden wir zunächst versuchen
müssen, die Ursachen ihrer Entstehung zu begreifen.

Entdeckungen, die in der Wissenfchaft einen Wendepunkt bedeuten, werden immer
erst cinige Zeit später in der Dffentlichkeit zur Auswirkung kommen. Wenn auch
gelegentliche Notizen fchon sehr früh in die Dffentlichkeit dringen, wird die große

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