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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 1 (Oktoberheft 1926)
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Lose Blätter
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0055

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Franziskus-Legenden

>r geben im folgenden cinige prägnant übersetzte Franziskus-Legenden, von denen
^^die beiden ersten einem von Dr. P. Holzapfel ansgezeichnet eingeleiteten Büch-
lein gleichen Titels (Berlag der Ios. Köselfchen Buchhandlnng, Kempten u. München,
2. Ausl. igi i) entnommen sind.

Die Macht der schlichten Persönlichkeit deS Heiligen zeigt die Legende vom Besuch
beim Sultan.

Der HI. Franziskus beim Sultan
Bom Eiser sür die Ehre Gottes und vom Berlangen nach dem Martyrium getrieben,
suhr unser heiliger Bater Franziökus mit zwölf seiner besten Brüder übers Meer,*
um sich geradenwegs zum Sultan zu begeben. Als sie in gewisse Gegenden der Un-
gläubigen kamen, wo grausame Leute die Wege überwachten, so daß kein Christ,
der dort durchreisen wollte, dem Tode entgehen konnte, entrannen sie zwar durch
göttliche Fügung dem Tode, wurden jedoch ergrifsen, gebunden und unter mancherlei
Quälereien zum Sultan gebracht. Bor diesem predigte nun der heilige Franziskus
aus Antrieb des Heiligen Geistes mit solch großer Begeisterung über den heiligen
katholischen Glauben, daß er sich sogar erbot, dessen Wahrheit durch eine Feuerprobe
zu bekrästigen. Der Sultan aber hatte große Hochachtung vor ihm wegen seiner
Standhastigkeit im Glauben, wegen seines glühenden Berlangens nach dem Marty-
rium und wegen seiner Weltverachtung, da er trotz seiner äußersten Armut keine
Gabe von ihm annehmen wollte. Bon da an hörte er den Heiligen gerne an und bat
ihn, er möchte östers zu ihm kommen. Zudem gestattete er ohne weitereS ihin und
seinen Gesährten, nach Belieben überallhin zu gehen und in seinem ganzen Reiche
unbehindert zu predigen. Auch versah er sie init einem Ausweise, der ihnen Schutz vor
jedermann gewährte.

Mit diescr weitgehenden Bergünstigung sandte der heilige Franziskus seine Brüder
zu zweien nach allen Richtungen in die einzelnen Teile der Heidcnländer. Auch er
wählte sich mit einem seiner Gesährten eine bestimmte Gegend aus. Aus dem Wege
dorthin kam er an eine Herberge, wo er einige Zeit bleiben wollte, um sich auszu-
ruhen. Hier tras er ein Weib, das ihn zu einer sündhaften Tat verleiten wvllte.
Ihr entgegnete Sankt FranziskuS: „Wenn ich dir zu Willen sein soll, dann mußt
auch du mir einen Wunsch erfüllen." Daraus jene: „Gut, ich nehme deinen Borschlag
an. Wollen wir nur gleich das Bett herrichten!" „Komm mit mir," erwiderte der
Heilige, „und ich will dir ein recht schönes Bett zeigen." Und er führte sie zu einem
großen Feuer, das gerade dort brannle- Und voll Eifer des GeisteS zog er sich aus
und legte sich entblößt in jenes Feuer wie in ein Bett. Dann rief er ihr zu: „Zieh'
dich doch aus und leg' dich schnell in dieses glänzende, glühende und wunderbare Bett!
dcnn nur hier kannst du mir zu Willen sein." Don diesem Feuer blieb Franziskus
völlig unversehrt, vielmehr lag er sröhlich wie aus Blumen gebetlet in diescr Feuers-
glut. Das Weib aber wurde angesichts eines solchen WunderS von Staunen ergrifsen
und wandte sich nicht nur ab vom Schmutze der Sünde, sondern bekehrte sich auch
aus der Nacht des Unglaubens zu ChristuS. Auch erlangte sie einen so hohen Grad
von Heiligkeit und Gnade, daß sie durch die Derdienste deS heiligen Dalers in jenen
Gegenden dem Herrn viele Seelen gewann.

Doch als Franziskus sah, daß er da nicht nach Wunsch Früchte einernten könne,
beschloß er auf göttliche Weisung hin, seine Brüder zusammenzurufen und in die Län-

Jw Jahre 12 ig.


 
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