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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 1 (Oktoberheft 1926)
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0079

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Zunächst die Saihe selbst: Fassaden und grö-
ßere Architekturtcile gehörcn in kein Museum
— man bedenke allein die Auswirkung einer
solchen Bruchstücksammlung sür den Umfang
eines derartigen Museums.

Außerdem: der feiner Empfindende bedauert
schon die Entwurzelung mancher Bildtafel,
Plastik oder Gerätschaft durch ihre Versetzung
in ein Museum; wobei nicht übersehen wer-
den darf und will, daß sie dort oft besser
bcwahrt werden und mehr Kunstfreunden zu-
gute kommen als an ihrem ursprünglichen
AufenthaltSort. Jm vorliegenden Fall isk der
Kunstwcrt aber viel mehr vom archäologisch-
wisscnschafklichen als vom allgomein-äsihetischen
Ztandpunkt aus gcsehen. Wcnn man auch
licht so weit zu gehen braucht, daß man mit
Schcfflcr daS Tor von Milct als „langwei-
lig" bezeichnet, so darf man ihm ruhig zu-
gcbcn, daß cs uns nicht allzuviel zu sagen
hat und chcr gefährlich als fruchlbar wcr-
dcn kaim. Scine weiterc Empfeblung durch
den HinweiS auf einen neuen Klassizismus
ist für unS vicl mehr ein Grund der Ab-
lehnung als Anerkennung. Wir wollen keine
Klassik von anderswoherundnochweniger einen
Klassizismus. Wenn wir eine Klassik ersire-
bcn, so ist eS unscre cigene — die noch gute
Weile hat. AlleS Schiclcn nach einer frcm-
dcn Klassik isi für dic cigene hinderlich —
daS bclveisen selbst bcste modcrne Archiiek-
tcn und Architekturcn. Jm übrigen isi dicser
Hinwcis nur dic AuSwirkung ciner allgemei-
ncrcn Hinwcndung zum Griechischen. Wir
setzcn dem Schlagwort vom „höchsi Mensch-
lichcn" im Griechcntum, das Gocthe zu dcr
Forderung besiimmte: „Jeder sei auf seinc
Weise ein Grieche, aber er sei es", die an-
deren cutgegcn: „Jcdcr sci auf seinc Wcisc
cin Mensch, abcr cr sei cs!" Das wol-
len und brauchen wir heute: die Entwick-
Iimg dcr cigcncn Humanität. Hicfür kann
uns das Bcispiel dcr Gricchcn mancherlci leh-
rcn, abcr wir wollen hierin nicht griechisch
bclehrt scin: wcdcr im Lcbcn, noch in dcr

Kunst. 2" öcm vorlicgcudcii Fall wird das
Lebcn überdies von einer Wisscnschaft, dic
dem Leben sclbst viclfach fremd geworden,
untcr dem Schein eines höchsten Jdcales diri-
giert. Damit überschreiket diefe Wisscnschaft
ihrc Kompetenz, verliert sie ihre Fruchkbar-
keit. Wir habcn dics gcrade an Winckelmann
zur Genüge erlebt. Jn dieses Kapitcl gc-
hört eS auch, daß Wiegand eine frühgriechi-
sche Statue um cine Million erworben. Sic
isi für den Archäologcn gewiß außerordcnt-
lich inieressant und wertvoll — aber wievicl
LcbcndigereS im hcutigen und allgemeincn
Sinn hätte man mit dieser Summc schaffcn
könncn! Auch das ist ein Sieg deS Antiqua-
iischcn über die Gegenwart und ihre leben-
digen Kräfte.

Bezcichnend für den ganzcn Kanipf isi, daß
die Archäologen zuletzt noch darauf hinwei-
sen, daß im Fall der Abweisung ihrer For-
derungen die 100 ooo Mark, die man für
Fundamentierung dcs Milettores ausgegcben,
vergcudct wären.

Wir habcn gcwiß nichts zu vcrgcuden. Aber
welche Riesensummen sind gerade in dicscni
Berliner Museum schon vergeuder wordcn,
so daß es schließlich auch darauf nicht mehr
ankommr! Sie sind übrigens nicht völlig vcr-
gcudek, wenn man crkennt, daß dicscs Funda-
mcnk nur das Fundament weitcrer, größcrcr
Dergeudungen wird; dcnn dicse Aufwcndun-
gen gelrcn cinem Plan, der nichts siark Lcbcn-
digeS schafft, der nur cine Architckturmumic
vorführt, an der wcitere Kreise der Gcbilde-
ten wie der Künstler mit bestem Willen keine
reine und große Freude erleben können.

Aristophanes

Zu Rudolf Euckens Tod

ie Nachricht vom Tode Euckcns ging
uns erfi nach Redaktionsschluß zu. Einc
kritische Würdigung seiner Lehre und Wir-
kung hosfen wir in einem der nächsicn Hefte
bringen zu könncn.

^II ttnserett Bildern Ilttb I^oLen

ic drci Bildcr vcrtrcten drci Enrwick-
— lrmgssiufcn der modcrncri dcutschcn Ma-
Icrci und wollen im Zusammenhalt mit dcm
cinschlägigen Artikcl bctrachtct wcrden.
Hans Baluschek isi Berliner Künstlcr,
ein Künsilcr, dcr daS Großsiadtlcben im
Bahnhof und Eisenbahiiwagen, auf dcr Slraßc

uud in der Mansardc, im Bicrlokal, auf
dem Volksfesi und in der freicn Natur scharf-
äugig siehk und rein sachlich darsiellt — mit
bcsondcrcr Dorliebe den Borsiadtbcrliner.
Aber nicht als vicrten Stand, nicht als ge-
scllschaftlichen Gegensatz zu andcren Schich-
ten, sondcrn auch hier objektiv, in sciner Vi-

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