XXXX.
Sprache, Dichkung, Gegenwark
Don Paul Alverdes
I.
sich vor einer deutschen Össentlichkeit der Gegentvart uber einige Dichter
1 ^ >und Dichtungen dcr Zeit zu sprechen anschickt, rnuß darauf gefaßt sein, daß
sein Publikum ihn sehr bald mit dem Bemerken unterbricht, sein Gegenstand
vcrdiene den Aufwand öffentlicher Erörterung nicht mehr. Dichtung sei die Ange-
legenheit ciniger Weniger geworden, der Dichter selbst nämlich und allenfalls einiger
Kenner, Sammler oder Mußiggänger, deren Gebaren weöer die Nation, noch irgend
jemanden oder etwas in der Welt angehe. Und im übrigen: wer sich denn die Mühe
machen solle, ihr Deutsch zu studieren? Rede man doch ein gänzlich andereS, höre
sich allerwege auch anders angeredet, und was an allen Straßen-Ecken zu lesen
und in Stößen von Zeitungen mit den angenehmsten Bildern oder auch ohne welche
billig genug zu haben sei, daS eben sei das Rechte und willkommen, es sei der Geist
der Zeit selber, und was solle man sich Besseres wünschen?
Und in dcr Tat, der Unterschied zwischen dem öffentlichen Deutsch, auch jenem, das
von den Kanzeln der Kirchen und Schulen jeden Bekenntnisses und Ranges, das in
den Parlamenten, Gerichts-Stätten, Bolksversammlungen gemeinhin erschallt, und
demjenigen, das einige Dichter wieder sprechen — und allerdings die cchten Hüter
und Erneuerer des köstlichen alten SchatzeS der Sprache —, scheint niemals so groß
gewesen zu sein, wie in den letzten Jahrzehnten des vorigen, dem ersten Diertel dieses
Jahrhunderts. Zwar erfreuen sich vorzüglich einige neuere Romandichter noch eines
gewissen Beifalls; allein die Auflage-Ziffern ihrer Bücher vermögen am Ende nicht
darüber hinwegzutäuschen, daß den gewissesten Anspruch auf die Liebe der Nation
derjenige hat, der ihr just nach dem Munde redet; in einem unbesehen zusammenge-
borgten, auf den Trödelmärkten und in den Abfallgruben der Sprache aufgelesenen,
verschossenen, verwehten, blinden Deutsch, dessen jedem Satz und Wort, bar aller
bildenden und Leben beschwörenden Kraft, man eö ansieht, wie er seit Iahrzehnten
von Auktion auf Auktionen geraten ist und deS ihm ursprünglich innewohnenden Zaubers
am Ende hat verlustig werden müssen. Was in einer solchen Sprache, die eben noch
an Ohren zu dringen fähig ist, abcr gewiß nicht mehr in Herzen; welche die seligen
Kräftc der lebendigen Anschauung und Erkenntnis zu wecken, das hohe Glück, sich sel-
ber auögedrückt zu wissen in niemandes Brust mehr zu stiften vermag; — was eine
solchc Sprache noch an Weltgestalt, -wahrheit und -gleichnis zu beschwören im-
stande sein soll, ist unerfindlich.
Erwidere man aber nicht, als sei es völlig gleichgültig, ob einer seine Sache in eines
Schuftes oder eines Prinzen Fassung vorbringe, da es durchaus auf das Was und im
geringsten nicht auf das Wie ankomme. Freilich kann man heute bei hohen Anlässen
und in feierlichster Öffcntlichkeit die Sprecher durch die erbärmlichste rednerische Auf-
führung, nämlich durch eine bis zum Überdruß enge und matte Darstellung, die sich
ängstlich hütet, sich an ihrem Borwurf zu entzünden, oder allenfalls durch die uner-
wünschteste Aufgeknöpftheit, als redeten sie auf Bierbänken zum Kreise der Duzbrüder,
73
Novcml'erheft 1926 (XXXX, 2)
Sprache, Dichkung, Gegenwark
Don Paul Alverdes
I.
sich vor einer deutschen Össentlichkeit der Gegentvart uber einige Dichter
1 ^ >und Dichtungen dcr Zeit zu sprechen anschickt, rnuß darauf gefaßt sein, daß
sein Publikum ihn sehr bald mit dem Bemerken unterbricht, sein Gegenstand
vcrdiene den Aufwand öffentlicher Erörterung nicht mehr. Dichtung sei die Ange-
legenheit ciniger Weniger geworden, der Dichter selbst nämlich und allenfalls einiger
Kenner, Sammler oder Mußiggänger, deren Gebaren weöer die Nation, noch irgend
jemanden oder etwas in der Welt angehe. Und im übrigen: wer sich denn die Mühe
machen solle, ihr Deutsch zu studieren? Rede man doch ein gänzlich andereS, höre
sich allerwege auch anders angeredet, und was an allen Straßen-Ecken zu lesen
und in Stößen von Zeitungen mit den angenehmsten Bildern oder auch ohne welche
billig genug zu haben sei, daS eben sei das Rechte und willkommen, es sei der Geist
der Zeit selber, und was solle man sich Besseres wünschen?
Und in dcr Tat, der Unterschied zwischen dem öffentlichen Deutsch, auch jenem, das
von den Kanzeln der Kirchen und Schulen jeden Bekenntnisses und Ranges, das in
den Parlamenten, Gerichts-Stätten, Bolksversammlungen gemeinhin erschallt, und
demjenigen, das einige Dichter wieder sprechen — und allerdings die cchten Hüter
und Erneuerer des köstlichen alten SchatzeS der Sprache —, scheint niemals so groß
gewesen zu sein, wie in den letzten Jahrzehnten des vorigen, dem ersten Diertel dieses
Jahrhunderts. Zwar erfreuen sich vorzüglich einige neuere Romandichter noch eines
gewissen Beifalls; allein die Auflage-Ziffern ihrer Bücher vermögen am Ende nicht
darüber hinwegzutäuschen, daß den gewissesten Anspruch auf die Liebe der Nation
derjenige hat, der ihr just nach dem Munde redet; in einem unbesehen zusammenge-
borgten, auf den Trödelmärkten und in den Abfallgruben der Sprache aufgelesenen,
verschossenen, verwehten, blinden Deutsch, dessen jedem Satz und Wort, bar aller
bildenden und Leben beschwörenden Kraft, man eö ansieht, wie er seit Iahrzehnten
von Auktion auf Auktionen geraten ist und deS ihm ursprünglich innewohnenden Zaubers
am Ende hat verlustig werden müssen. Was in einer solchen Sprache, die eben noch
an Ohren zu dringen fähig ist, abcr gewiß nicht mehr in Herzen; welche die seligen
Kräftc der lebendigen Anschauung und Erkenntnis zu wecken, das hohe Glück, sich sel-
ber auögedrückt zu wissen in niemandes Brust mehr zu stiften vermag; — was eine
solchc Sprache noch an Weltgestalt, -wahrheit und -gleichnis zu beschwören im-
stande sein soll, ist unerfindlich.
Erwidere man aber nicht, als sei es völlig gleichgültig, ob einer seine Sache in eines
Schuftes oder eines Prinzen Fassung vorbringe, da es durchaus auf das Was und im
geringsten nicht auf das Wie ankomme. Freilich kann man heute bei hohen Anlässen
und in feierlichster Öffcntlichkeit die Sprecher durch die erbärmlichste rednerische Auf-
führung, nämlich durch eine bis zum Überdruß enge und matte Darstellung, die sich
ängstlich hütet, sich an ihrem Borwurf zu entzünden, oder allenfalls durch die uner-
wünschteste Aufgeknöpftheit, als redeten sie auf Bierbänken zum Kreise der Duzbrüder,
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Novcml'erheft 1926 (XXXX, 2)


