Über den drohenben Verfall ber WagnerLradition
Don Alerander Berrsche
(^X^ndem ich diesen Tike! niederschreibe, scheine ich vor mir selbst in ei'n Gewi'rr
^von Widersprüchen ;n geraten. Jch will das Schtvinden einer Tradition be-
--^vklagen und halte nichls von Traditi'onen. Jch will eine künstlerlsche klberzeugung
erhärten und bln tles davon durchdrungen, daß si'ch in der Kunst nlchts beweisen
läßt. Aber vielleicht lösen sich diese Widersprüche. Bielleicht bin ich ebensowenig para-
dox wie jener Konservatlve, öer die demokratische Einrichtung der Mehrheitsbeschlüsse
verspottete und es dennoch bedauern konnte, daß ein bestimmter Mehrheitsbeschluß
aufgehoben oder nicht durchgesührt worden war, oder wie jener Philosoph, dcr am
li'ebsten über diejeni'gen Probleme sprach, deren grundsätzliche Unlösbarkeit er längst
erkannt hatte. Jener Konservarive mochte den Zweislern erwidern: „Jch trauere denr
Mehrheitsbeschluß nicht deshalb nach, weil i'ch mich zur Jnstituti'on der Mehrheits-
beschlüsse bekehrt hätte, sondern weil der Jnhalt gerade öieses Mehrheitsbeschlusseö
richtig und vernünstig war. Das Mehrheitsprinzip überantwortet bedauerlicherweise
wichtige Fragen nicht der Einsicht der wahrhaft Berufenen, sondern dem äußeren Zu-
sall der Absti'mmung. Daß der Zufall immer und unter allen Umständen etwaö Ber-
kehrtes herbeiführen müsse, läßt sich a priori gewi'ß nicht behaupten; noch weniger
allerdings, daß er das Richtige tresse." Und was jener Philosoph geantwortet haben
würde, brauchen wir nicht einmal anzudeuten. Zu sehr ersüllt uns die Überzeugung,
daß alles wahrhast Tiefe und Herzbewegende auf dieser Welt für die Wissenschaft
entweder (wie die metaphysischen Dinge) zu geheimnisvoll oder (wie die logischen
Axlome) zu klar ist und sich in bciden Fällen den Greifzangen ihrer Beweismethoden
entzieht. Und zu innig i'st uns bewußt, wie arm und ausgeleert das Leben wäre,
wenn unser Glauben, Sehnen und Bekennen an den Grenzen exakter wissenschastlicher
Erkenntnisse stehen bleiben müßte.
„Entweder zu geheimnisvoll oder zu klar." Merkwürdig, daß diese Alternative in
der Kunst ausgehoben ist, daß das Entweder-Oder sich hier in ein schlichtes Und ver-
wandelt. Das eigentli'ch und innerlich Wesenhaste des Kunstwerkes, das, waü seinen
Wert und Rang ausmacht, was nach allem philologisch, technisch, historisch, psycho-
logisch, geographisch Erörterungssähigen als LetzteS, UnlösbareS zurückbleibt, sein
unheimlich einziger und einmaliger Nachtwandlerblick: dieses Wesenhafte, unfaßbar
sür die Analyse wie sür die Kopie, erschließt sich nur dem dazu Begabten, aber cs
erschließt sich ihm als etwas unmittelbar Evidentes, als eine Gewißheit und Klarheit
höchsten Grades, die sich so wenig beweisen läßt, wie daß Rot rot ist und Grün grün.
Nirgends wird man sich dieses geheimnisvollen WaltenS evidenter Ei'nsicht aus so ties
lebendige Weise bewußt als gerade in der Kunst, die ihre reale Existenz, ja sozusagen
ihre eigene Jdentität im höchsten Sinne erst durch den Klang, d. h. durch daö Me-
dium der Jnterpretation erreicht, in der Musik. Nirgends zeigt sich so drastisch und
schonungslos wie hier, daß Meinungsverschiedenhei'ten über künstlerisch Wesent -
liches nicht aus einem Gegensatz von Untersuchungsmethoden oder ans irgendeinem
methodischen Bersehen beruhen können, sondern stets und überall nur eincn einzigcn
Grund haben: die verschiedene Begabung der Streitenden.
Der Glücksfall einer allgcmein anerkannten und zugleich richtigen Tradition ist
daher gerade in der Musik ebensv segensreich, wie er selten ist. Leider haben wir fast
keine Tradition mehr. Was richti'g gcmacht wird, ist nicht Gemeingut, sondern die
Erkenntnis ei'niger Weniger, und was Gemeingut geworden i'st, ijt nicht richtig. Unsere
Zeit hat nur eine einzige echte'Tradition gehabt, die Wagnertradition. Sie schien eine
leichte, fast selbstverständliche Sache zu sein, da sie ofsensichtlich nur die elementarstcn
Musl'kereigenschaften in Anspruch nahm. Um so mehr wird man ermessen können,
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Don Alerander Berrsche
(^X^ndem ich diesen Tike! niederschreibe, scheine ich vor mir selbst in ei'n Gewi'rr
^von Widersprüchen ;n geraten. Jch will das Schtvinden einer Tradition be-
--^vklagen und halte nichls von Traditi'onen. Jch will eine künstlerlsche klberzeugung
erhärten und bln tles davon durchdrungen, daß si'ch in der Kunst nlchts beweisen
läßt. Aber vielleicht lösen sich diese Widersprüche. Bielleicht bin ich ebensowenig para-
dox wie jener Konservatlve, öer die demokratische Einrichtung der Mehrheitsbeschlüsse
verspottete und es dennoch bedauern konnte, daß ein bestimmter Mehrheitsbeschluß
aufgehoben oder nicht durchgesührt worden war, oder wie jener Philosoph, dcr am
li'ebsten über diejeni'gen Probleme sprach, deren grundsätzliche Unlösbarkeit er längst
erkannt hatte. Jener Konservarive mochte den Zweislern erwidern: „Jch trauere denr
Mehrheitsbeschluß nicht deshalb nach, weil i'ch mich zur Jnstituti'on der Mehrheits-
beschlüsse bekehrt hätte, sondern weil der Jnhalt gerade öieses Mehrheitsbeschlusseö
richtig und vernünstig war. Das Mehrheitsprinzip überantwortet bedauerlicherweise
wichtige Fragen nicht der Einsicht der wahrhaft Berufenen, sondern dem äußeren Zu-
sall der Absti'mmung. Daß der Zufall immer und unter allen Umständen etwaö Ber-
kehrtes herbeiführen müsse, läßt sich a priori gewi'ß nicht behaupten; noch weniger
allerdings, daß er das Richtige tresse." Und was jener Philosoph geantwortet haben
würde, brauchen wir nicht einmal anzudeuten. Zu sehr ersüllt uns die Überzeugung,
daß alles wahrhast Tiefe und Herzbewegende auf dieser Welt für die Wissenschaft
entweder (wie die metaphysischen Dinge) zu geheimnisvoll oder (wie die logischen
Axlome) zu klar ist und sich in bciden Fällen den Greifzangen ihrer Beweismethoden
entzieht. Und zu innig i'st uns bewußt, wie arm und ausgeleert das Leben wäre,
wenn unser Glauben, Sehnen und Bekennen an den Grenzen exakter wissenschastlicher
Erkenntnisse stehen bleiben müßte.
„Entweder zu geheimnisvoll oder zu klar." Merkwürdig, daß diese Alternative in
der Kunst ausgehoben ist, daß das Entweder-Oder sich hier in ein schlichtes Und ver-
wandelt. Das eigentli'ch und innerlich Wesenhaste des Kunstwerkes, das, waü seinen
Wert und Rang ausmacht, was nach allem philologisch, technisch, historisch, psycho-
logisch, geographisch Erörterungssähigen als LetzteS, UnlösbareS zurückbleibt, sein
unheimlich einziger und einmaliger Nachtwandlerblick: dieses Wesenhafte, unfaßbar
sür die Analyse wie sür die Kopie, erschließt sich nur dem dazu Begabten, aber cs
erschließt sich ihm als etwas unmittelbar Evidentes, als eine Gewißheit und Klarheit
höchsten Grades, die sich so wenig beweisen läßt, wie daß Rot rot ist und Grün grün.
Nirgends wird man sich dieses geheimnisvollen WaltenS evidenter Ei'nsicht aus so ties
lebendige Weise bewußt als gerade in der Kunst, die ihre reale Existenz, ja sozusagen
ihre eigene Jdentität im höchsten Sinne erst durch den Klang, d. h. durch daö Me-
dium der Jnterpretation erreicht, in der Musik. Nirgends zeigt sich so drastisch und
schonungslos wie hier, daß Meinungsverschiedenhei'ten über künstlerisch Wesent -
liches nicht aus einem Gegensatz von Untersuchungsmethoden oder ans irgendeinem
methodischen Bersehen beruhen können, sondern stets und überall nur eincn einzigcn
Grund haben: die verschiedene Begabung der Streitenden.
Der Glücksfall einer allgcmein anerkannten und zugleich richtigen Tradition ist
daher gerade in der Musik ebensv segensreich, wie er selten ist. Leider haben wir fast
keine Tradition mehr. Was richti'g gcmacht wird, ist nicht Gemeingut, sondern die
Erkenntnis ei'niger Weniger, und was Gemeingut geworden i'st, ijt nicht richtig. Unsere
Zeit hat nur eine einzige echte'Tradition gehabt, die Wagnertradition. Sie schien eine
leichte, fast selbstverständliche Sache zu sein, da sie ofsensichtlich nur die elementarstcn
Musl'kereigenschaften in Anspruch nahm. Um so mehr wird man ermessen können,
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