Zu unseren Bildern und I^oten
r. von Uhde (1848—ign), „Jn der
Sommerfrische" (188z). Es gibt Kunst-
werke, die ihres Meisters Art und Zeit
wescnhaft veranschaulichen; aber auch solchc,
die nur cine Etappe in der persönlichen
und zeitlichen Entwicklung bedcuten — so
unser Bild. Gewiß kann man sich diesec
liebenswerten Darstellung auch ohne gcschicht-
liche Kcnntnisse erfreuen: cs ist ein an-
hcimclndes Familiensiück, dem die lichten
Farben der umgebenden Ikatur einen still-
srohen Zug verleihen. Die volle Würdigung
ersordcrt aber die Einsicllung in dcs Künsi-
lers Gesamtwcrk. Und hicr bcdeutet eS ein
Frühwerk. Nicht im Sinne dcS Anfängcr-
tums, sondcrn der Hinwcndung zum eigent-
lichen Schaffen, der plemairisiisch-impressioni-
siischcn Malcrci. Jm glcichcn Jahre cr-
sianden als ein Programmwerk dieser Rich-
tung „Die Trommler",- 188^ verarbeitete
Uhdc die neue Malweise sür biblische The-
mcn, beginnend mit: „Lasset dic Kleinen
zu mir kommen". Thcmen unscrcs Bildes
grcift der Künsiler ersi wicder nach igoo
aus, um sie nun wesentlich weiter zu treibcn,
zu vielfach glänzendcn Stückcn des Jmprcssio-
nismus. Hier isi zunächst die schwcre Farbe
Munkarzyü und daS dumpfe Atelierlicht
überwunden. Die Schwarz und Grau sind
aufgehellt und lcichter geworden. Dcr Hinter-
grund hat sich unter dem Einfluß von Licht
und Luft im Ton gelockert und verfeinert,
auch der INittelgrund hat daraus Borteile ge-
zogen. Der Vordergrund bleibt hierin zurück,
gewinnt aber durch eine gcwissc lichte Milde
im Grün. Näher dem ncuen Prinzip ist der
Ausschnitt dcs Ganzen, das mcisi verzwick-
tcr als bei Liebcrmann, dem daS Bild sonsi
vielfache Anregung dankt. Wie sich dcr
Apfelbaum eigenwillig auS dcr Mittelachse
dreht, um sich dann energisch nach links
zu wcndcn, hat scincn bcsondcrcn Reiz;
auch wie sich die Diagonale dcr lescnden
Frau dagegenschiebt, den Stamm überqucrt,
die gegenseitige Spannung sich die Balance
hält. Durch die Art, wie der gelbe Hut, die
schwarze Hcnne, dcr malcnde Mann, das sich
bückendc Kind verkcilt sind, crweitcrt sich dcr
Raum um die Mittclgruppe,- in seinem Zu-
sammcnschluß durch das Wciß dcs sitzenden
KindcS etwaS gesährdct. Die Horizontale
dcs BrettcrzauneS, die -das Wcscntliche encr-
gisch abschlicßt, crscheint zu nah, wird aber
gemildert durch den rhythmischen Wechscl in
Baum, Haus und Gelände der jenseitigen
Welt, die dcn Ausblick angenehm abschließt.
Man kann vcrsiehen, daß diescS Motiv den
Maler sesselt, wie Kind, Mutter und Tier
ihren besonderen Konzentrativnspunkt haben:
so erskcht cine äußere und innere Derbun-
denheit des Einzelnen unker sich und zum
Ganzen, die Stimmung eincr kleinen, fried-
lichen Welt und ihres bescheidenen Lebcns.
Mag sich jeder daS weitcr ausphantasieren,
wie in der eigenen Sommerfrische. Die Mög-
lichkcit der Wiedergabe unsereS Farbdrucks
verdanken wir der Galcrie Habcrsiock in Bcr-
lin. — Wir möchten bei dieser Gelegenheit
darauf aufmerksam machen, daß in unserem
Derlag eine reichhaltige Uhde-Mappc erschie-
nen, die dieseS deutschcn Meisiers fcine Kunsi
in zahlrcichen vortrefflichen, teils farbigen
Wiedergaben vermittelt.
Plasiik soll man nicht nur ansehen, nicht
nur in sie hineinschauen, man muß sie irgend-
wie nachahmen und sich dadurch körpcrlich
einfühlen; dann wird man am cigenen Leib
ihren Sinn siärker und schneller inne als
durch die Augen. Jn diesem Aufruf zur
leiblichcn Mitarbeit liegt ein besonderer Nciz
dcs bildhauerischen Werkeü.
A. v. Hildebrand (18^7—1921), „Männ-
liche Figur". Als sie 1884 bei Gurlikt
in Berlin zuersi erschien, besann man sich
aus einen Namcn. Ein Detter des Kunsi-
händlcrs, Prosessor Gurlitt, wollte wcgen
ciner „eigcntümlichen Schwermut aus dcm
beschatteten Auge" die Einsamkeit in der
Figur bctonk wissen und schlug vor, sie
„Allein" zu taufen. Dagegen erhob Hilde-
brand energischcn Einspruch. „Männliche
Figur" genügt! DaS isi ungemein bezeich-
ncnd — nicht nur für den schlichten, gesun-
den Sinn des KünsilcrS, noch mehr sür sein
künsilerischcS Wollcn. Damit hat er un-
zweideutig gegen die damalige Allegorik
und ihr falsches Gefühlüwcsen Front gc-
macht; damit war programmatisch auSge-
sprochen, daß die F 0 rm vor allem in der
Plasiik entscheidet und nicht irgendcin 2"'
halt; damit war gesagt, daß die menschliche
Gcsialt plasiisches Gebilde schlcchthin isi:
der OrganismuS ihres BaucS, die klare
Funktion ihrer Glieder, daS Erlebnis ihrer
Körpcrhastigkeit. Diese letztere aber so in
eine Dorderansicht gebracht, in einerFläche
iZ3
r. von Uhde (1848—ign), „Jn der
Sommerfrische" (188z). Es gibt Kunst-
werke, die ihres Meisters Art und Zeit
wescnhaft veranschaulichen; aber auch solchc,
die nur cine Etappe in der persönlichen
und zeitlichen Entwicklung bedcuten — so
unser Bild. Gewiß kann man sich diesec
liebenswerten Darstellung auch ohne gcschicht-
liche Kcnntnisse erfreuen: cs ist ein an-
hcimclndes Familiensiück, dem die lichten
Farben der umgebenden Ikatur einen still-
srohen Zug verleihen. Die volle Würdigung
ersordcrt aber die Einsicllung in dcs Künsi-
lers Gesamtwcrk. Und hicr bcdeutet eS ein
Frühwerk. Nicht im Sinne dcS Anfängcr-
tums, sondcrn der Hinwcndung zum eigent-
lichen Schaffen, der plemairisiisch-impressioni-
siischcn Malcrci. Jm glcichcn Jahre cr-
sianden als ein Programmwerk dieser Rich-
tung „Die Trommler",- 188^ verarbeitete
Uhdc die neue Malweise sür biblische The-
mcn, beginnend mit: „Lasset dic Kleinen
zu mir kommen". Thcmen unscrcs Bildes
grcift der Künsiler ersi wicder nach igoo
aus, um sie nun wesentlich weiter zu treibcn,
zu vielfach glänzendcn Stückcn des Jmprcssio-
nismus. Hier isi zunächst die schwcre Farbe
Munkarzyü und daS dumpfe Atelierlicht
überwunden. Die Schwarz und Grau sind
aufgehellt und lcichter geworden. Dcr Hinter-
grund hat sich unter dem Einfluß von Licht
und Luft im Ton gelockert und verfeinert,
auch der INittelgrund hat daraus Borteile ge-
zogen. Der Vordergrund bleibt hierin zurück,
gewinnt aber durch eine gcwissc lichte Milde
im Grün. Näher dem ncuen Prinzip ist der
Ausschnitt dcs Ganzen, das mcisi verzwick-
tcr als bei Liebcrmann, dem daS Bild sonsi
vielfache Anregung dankt. Wie sich dcr
Apfelbaum eigenwillig auS dcr Mittelachse
dreht, um sich dann energisch nach links
zu wcndcn, hat scincn bcsondcrcn Reiz;
auch wie sich die Diagonale dcr lescnden
Frau dagegenschiebt, den Stamm überqucrt,
die gegenseitige Spannung sich die Balance
hält. Durch die Art, wie der gelbe Hut, die
schwarze Hcnne, dcr malcnde Mann, das sich
bückendc Kind verkcilt sind, crweitcrt sich dcr
Raum um die Mittclgruppe,- in seinem Zu-
sammcnschluß durch das Wciß dcs sitzenden
KindcS etwaS gesährdct. Die Horizontale
dcs BrettcrzauneS, die -das Wcscntliche encr-
gisch abschlicßt, crscheint zu nah, wird aber
gemildert durch den rhythmischen Wechscl in
Baum, Haus und Gelände der jenseitigen
Welt, die dcn Ausblick angenehm abschließt.
Man kann vcrsiehen, daß diescS Motiv den
Maler sesselt, wie Kind, Mutter und Tier
ihren besonderen Konzentrativnspunkt haben:
so erskcht cine äußere und innere Derbun-
denheit des Einzelnen unker sich und zum
Ganzen, die Stimmung eincr kleinen, fried-
lichen Welt und ihres bescheidenen Lebcns.
Mag sich jeder daS weitcr ausphantasieren,
wie in der eigenen Sommerfrische. Die Mög-
lichkcit der Wiedergabe unsereS Farbdrucks
verdanken wir der Galcrie Habcrsiock in Bcr-
lin. — Wir möchten bei dieser Gelegenheit
darauf aufmerksam machen, daß in unserem
Derlag eine reichhaltige Uhde-Mappc erschie-
nen, die dieseS deutschcn Meisiers fcine Kunsi
in zahlrcichen vortrefflichen, teils farbigen
Wiedergaben vermittelt.
Plasiik soll man nicht nur ansehen, nicht
nur in sie hineinschauen, man muß sie irgend-
wie nachahmen und sich dadurch körpcrlich
einfühlen; dann wird man am cigenen Leib
ihren Sinn siärker und schneller inne als
durch die Augen. Jn diesem Aufruf zur
leiblichcn Mitarbeit liegt ein besonderer Nciz
dcs bildhauerischen Werkeü.
A. v. Hildebrand (18^7—1921), „Männ-
liche Figur". Als sie 1884 bei Gurlikt
in Berlin zuersi erschien, besann man sich
aus einen Namcn. Ein Detter des Kunsi-
händlcrs, Prosessor Gurlitt, wollte wcgen
ciner „eigcntümlichen Schwermut aus dcm
beschatteten Auge" die Einsamkeit in der
Figur bctonk wissen und schlug vor, sie
„Allein" zu taufen. Dagegen erhob Hilde-
brand energischcn Einspruch. „Männliche
Figur" genügt! DaS isi ungemein bezeich-
ncnd — nicht nur für den schlichten, gesun-
den Sinn des KünsilcrS, noch mehr sür sein
künsilerischcS Wollcn. Damit hat er un-
zweideutig gegen die damalige Allegorik
und ihr falsches Gefühlüwcsen Front gc-
macht; damit war programmatisch auSge-
sprochen, daß die F 0 rm vor allem in der
Plasiik entscheidet und nicht irgendcin 2"'
halt; damit war gesagt, daß die menschliche
Gcsialt plasiisches Gebilde schlcchthin isi:
der OrganismuS ihres BaucS, die klare
Funktion ihrer Glieder, daS Erlebnis ihrer
Körpcrhastigkeit. Diese letztere aber so in
eine Dorderansicht gebracht, in einerFläche
iZ3


