Ferdmand Avenarius
Zu seinem srebzigsieli Geburrsrag
Don Wilhelm Stapel
f^^edes Zeitalter verachtet das unmittelbar vorangegangene Zeitalter; denn mit
Mühe hat sich das „neue" auS dem „alten" losgerungen und sich darüber „er-
--^^hoben". Das Bervußtsein, voranzukommen, bringt es mit sich, das eben „Über-
toundene" zu verachten. Erst wenn ein Zeitalter sernab in die Dergangenheit sinkt,
wenn es sür die Lebenden „historisch" wird, geht die polemische Einstellung in die
ruhigere Einstellung des historischen JnteresseS über. Man würdigt nun die Leistun-
gen, gegen deren (naturbedingte) „Einseitigkeit" man sich einst kritisch gewehrt hatte,
ja, man ertappt sich aus einer gewissen Vorliebe sür die kleinen Schwächen der
Vergangenheit, die man einst grimmig verhöhnt hatte.
Jch gestehe, daß ich den berühmten „Muschelaufsatz" der achtziger und neunziger
Jahre heute mit humorvoller Rührung betrachte. Einst war es notwendig, daß wir
gegen den Muschelaussatz revoltierten. Heute aber — du lieber Himmel! Die gute
Stubc mit dem Nur-ein-viertel-Stündchen-Kissen und dem Sosa-Bezug, den Öldruck-
bildern und Nippessiguren, jene gute Stube, die das verschlossene Heiligtum der
Familie Piepenbrink bildete, das nur zu bürgerlich-sakralen Handlungen wie Ge-
burtstagskaffee u. dergl. aufgeschlossen, gelüftet und benützt wurde, während man sich
sonst in der Küche oder in muffigen Hinterräumen aufhielt, diese gute Stube, in der
die Proletarierin krampfhaft ihre bürgerliche Herkunft festhielt — wer möchte dieses
rührende Zeugnis und Erzeugnis naiver Dolksethik heut noch mit ästhetischen Kano-
nen zertrümmern? Jch gestehe, daß ich neulich sogar durch die Berliner Sieges-
allee gegangen bin, ohne dabei die kulturelle Beschämung der DorkriegSzeit, die
einst für unS obligat war, zu empfinden. Die marmornen Halbkreise sind eine inter-
essante Merkwürdigkeit geworden, die man mit dem durchaus nicht übelwollenden
Gefühl betrachtet: jawohl, so war daS dazumal.
Avenarius, der als Protagonist im Kampfe gegen HauS- und Kulturgreuel aller
Art gilt, war weitherziger, als man meint. AIs im Kriege die Bronzemänner und
Bronzepferde, die unsre Plätze verzieren, eingefchmolzen werden sollten, war Avena-
rius dagegen, denn, so wendete er gegen die Leidenschaftlichen ein, die nun die Zeit
gekommen glaubten, spätere Geschlechter werden diese Dinge mit andern Augen an-
sehn. Er billigte privatim der Familie Piepenbrink durchauS das Recht auf ÖI-
druckbilder und auf den Trompeter von Säckingen zu; denn wenn die Sachen auch
scheußlich seien, die Gefühle der Leute, die daran hängen, seien echt. Er wandte
auch gegen Karl MayS Romane als solche nichts ein, und hielt die Jugend, die sich
daran erbaute, durchauS noch nicht ohne weitereS für gefährdet. Er trank dem Ge-
sundbrunnen und Dürerbund zum Trotz sein Glas Bier oder Wein, wenn es ihn
grad danach gelüstete, ohne sich als Sünder zu fühlen. Kurzum, er obstruierte ge-
legentlich gegen alle jene heiligen Grundsätze, deren peinliche Beobachtung die Öffent-
lichkeit vom Herausgeber des Kunstwartes und Vorsihenden des Dürerbundeg erwar-
tete. Es steckte wohl etwas von angeborenem Ketzertum in diesem Derhalten. Aber
es war mehr als Gefühlsreaktion, es war die Erkenntnis von der Zeitgebundenheit
der eigenen Grundsähe. Avenarius vermochte es, sich über sein eigenes Werk zu stellen
und es in seincr historischen Bedingtheit zu sehen. Darum wurde er nie zum eifernden
Propheten, trotz der Leidenfchaftlichkeit seincs Temperamentes. Vor dem pathetifchen
Prophetentum bewahrte ihn der weike Horizont und di'e humorvolle Gelassenheit.
Wenn er die Wucht seiner Persönlichkeit in Ernst und Humor in den Kampf warf,
so ging es ihm nicht um di'e winzigen ästhetischen und moralischen Angelegenheiten
Zu seinem srebzigsieli Geburrsrag
Don Wilhelm Stapel
f^^edes Zeitalter verachtet das unmittelbar vorangegangene Zeitalter; denn mit
Mühe hat sich das „neue" auS dem „alten" losgerungen und sich darüber „er-
--^^hoben". Das Bervußtsein, voranzukommen, bringt es mit sich, das eben „Über-
toundene" zu verachten. Erst wenn ein Zeitalter sernab in die Dergangenheit sinkt,
wenn es sür die Lebenden „historisch" wird, geht die polemische Einstellung in die
ruhigere Einstellung des historischen JnteresseS über. Man würdigt nun die Leistun-
gen, gegen deren (naturbedingte) „Einseitigkeit" man sich einst kritisch gewehrt hatte,
ja, man ertappt sich aus einer gewissen Vorliebe sür die kleinen Schwächen der
Vergangenheit, die man einst grimmig verhöhnt hatte.
Jch gestehe, daß ich den berühmten „Muschelaufsatz" der achtziger und neunziger
Jahre heute mit humorvoller Rührung betrachte. Einst war es notwendig, daß wir
gegen den Muschelaussatz revoltierten. Heute aber — du lieber Himmel! Die gute
Stubc mit dem Nur-ein-viertel-Stündchen-Kissen und dem Sosa-Bezug, den Öldruck-
bildern und Nippessiguren, jene gute Stube, die das verschlossene Heiligtum der
Familie Piepenbrink bildete, das nur zu bürgerlich-sakralen Handlungen wie Ge-
burtstagskaffee u. dergl. aufgeschlossen, gelüftet und benützt wurde, während man sich
sonst in der Küche oder in muffigen Hinterräumen aufhielt, diese gute Stube, in der
die Proletarierin krampfhaft ihre bürgerliche Herkunft festhielt — wer möchte dieses
rührende Zeugnis und Erzeugnis naiver Dolksethik heut noch mit ästhetischen Kano-
nen zertrümmern? Jch gestehe, daß ich neulich sogar durch die Berliner Sieges-
allee gegangen bin, ohne dabei die kulturelle Beschämung der DorkriegSzeit, die
einst für unS obligat war, zu empfinden. Die marmornen Halbkreise sind eine inter-
essante Merkwürdigkeit geworden, die man mit dem durchaus nicht übelwollenden
Gefühl betrachtet: jawohl, so war daS dazumal.
Avenarius, der als Protagonist im Kampfe gegen HauS- und Kulturgreuel aller
Art gilt, war weitherziger, als man meint. AIs im Kriege die Bronzemänner und
Bronzepferde, die unsre Plätze verzieren, eingefchmolzen werden sollten, war Avena-
rius dagegen, denn, so wendete er gegen die Leidenschaftlichen ein, die nun die Zeit
gekommen glaubten, spätere Geschlechter werden diese Dinge mit andern Augen an-
sehn. Er billigte privatim der Familie Piepenbrink durchauS das Recht auf ÖI-
druckbilder und auf den Trompeter von Säckingen zu; denn wenn die Sachen auch
scheußlich seien, die Gefühle der Leute, die daran hängen, seien echt. Er wandte
auch gegen Karl MayS Romane als solche nichts ein, und hielt die Jugend, die sich
daran erbaute, durchauS noch nicht ohne weitereS für gefährdet. Er trank dem Ge-
sundbrunnen und Dürerbund zum Trotz sein Glas Bier oder Wein, wenn es ihn
grad danach gelüstete, ohne sich als Sünder zu fühlen. Kurzum, er obstruierte ge-
legentlich gegen alle jene heiligen Grundsätze, deren peinliche Beobachtung die Öffent-
lichkeit vom Herausgeber des Kunstwartes und Vorsihenden des Dürerbundeg erwar-
tete. Es steckte wohl etwas von angeborenem Ketzertum in diesem Derhalten. Aber
es war mehr als Gefühlsreaktion, es war die Erkenntnis von der Zeitgebundenheit
der eigenen Grundsähe. Avenarius vermochte es, sich über sein eigenes Werk zu stellen
und es in seincr historischen Bedingtheit zu sehen. Darum wurde er nie zum eifernden
Propheten, trotz der Leidenfchaftlichkeit seincs Temperamentes. Vor dem pathetifchen
Prophetentum bewahrte ihn der weike Horizont und di'e humorvolle Gelassenheit.
Wenn er die Wucht seiner Persönlichkeit in Ernst und Humor in den Kampf warf,
so ging es ihm nicht um di'e winzigen ästhetischen und moralischen Angelegenheiten


