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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 3 (Dezemberheft 1926)
DOI article:
Stapel, Wilhelm: Ferdinand Avenarius: zu seinem siebzigsten Geburtstag
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Popp, Josef: Die moderne Baukunst, [1]
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0171

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ordentlich feinfühlig ift) ift nicht zum wenigsten die menfchliche und äfthetifche Be-
sonderheit des Buches begründet. Der zyklothyme Charakter und das sehr lebhafte
Temperament gibt den Gedichten Avenariuö' die eindrucksoolle Mimik, die sich un-
mittelbar auf den Leser oder Hörer überträgt.

Die dichterifche Produktion Avenarius' ift quantitativ gering gegenüber der fchrift-
ftellerifchen (journaliftifchen). Dennoch überwog im persönlichen Eindruck der
Dichter den Volkspädagogen und Organisator. Da war keine „Würde", kein pathe-
tisches Selbftbewußtsein, keine Besserwisserei, sondern immer herzliche Unmittelbar-
keit, oft in sprudelnder Freude, zuweilen in krüber, fchwerer Stimmung. Und dieser
M ensch Avenarius lebt in den Gedichten reiner als in all seinen zweckbewußten
Aufsätzen.

IV.

Diescn Menschen AvenariuS liebe ich in unverminderter Treue. Zwar bin ich m
wildem Zorn von ihm gefchieden. Es war kein kleines Donnern und Blitzen, als wir
aneinander gerieten. Die Scheidung war für mich eine Notwendigkcit, um zu meinen
besonderen Aufgaben zu kommen. Die Anlässe des Bruches waren — wie ftets in
solchen Fällen — dumm. Wir haben uns auch nie wieder im Leben vertragen, denn
— nur „Pack fchlägt sich und verträgt sich". Aber der Zorn tut der Liebe keinen
Abbruch, und auch im Haß kann man ehren.

Nun liegt er auf dem Kirchhof zu Keitum. Die Erde von Sylt, seiner zweiten Hei-
mat, hat ihn aufgenommen. Wir ftehen vor seinem Grab und wissen unsrer Liebe
keinen Nat. Was ift mir der Kunftwart gewesen von Jugend an! Was ift mir
später Avenarius gewesen! Es ift nicht auszusagen, wieviel Dank ich ihm fchulde.
Aber auch von der Gerechtigkeit meines Zornes kann ich nichts abftreichen.

Eine Handvoll Strandflieder auf das Grab. Lebteft du noch nnter uns, ich könnte
dir nicht ohne Tränen die Hand drücken. Jmmer trennen sich Söhne von Dätern,
immer leben die Väter in den Kindern fort. Und wenn der Jüngfte Tag kommt, so
ift kein Trotz mehr, sondern nur Dankbarkeit.

Dein Name ftirbt, dein Werk zerbricht.

Dein Leben tötet keine Zeit.

Es leuchtet ftill dein Angesicht
Durch tausendfache Menfchlichkeit.

Die nwderne Baukunsi

Von Joseph Popp

I.

^ nter allen bildenden Künften wird die Baukunft am wenigften verftanden und
I erlcbt. Und doch ift sie wichtiger als Malerei und Bildnerei: sie bereitet uns
das Heim und die Arbeitsftätte, jeglichem Gemeinfchaftsbedürfnis den bergen-
den und erhebenden Raum — in Dorf, Markt und Stadt die weitere Umgebung,
den Hintergrund des öffentlichen Lebens. Vieles von alledem wird heuke aus den
Mitteln des gesamten Volkes gefchaffen, durch seine Vertreter in Gemeinde und
Staat begutachtet und verantwortet, ohne daß sie selbft oder ihre Beoater ein wirk-
liches Urteil in Bauangelegenheiten hätten. Auch die TageSpresse, die über alle
mögliche Ark von Kunft berichtet, bis zum Zirkus und Film, behandelt die Baukunft
in jeder Bcziehung ftiefmütterlich, weil ihre Berichterftatter hievon nichts oder nur
wenig verftehen. Dadurch allein erklärt es sich, daß die Mahnung erfter Baukünst-
ler, das Bauen solle gefteigert werden, die Baufchulden seien mit die allerrentabel-
ften Schulden, weil unser geifti'ges und wirtfchaftliches Leben wesentlich fördernd,
ungehört verhallt.

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