setzung aus, daß das Kind schon in der VorpubertätszeiL ästheti'sch im wesentlichen
wie der Erwachsene empflnde. Demgegenüber haben andere, z. B. Ackerknecht, be-
hauptet, daß dem Kmde ästhetlsches Empsmden fast vollkommen abgi'nge. Merk-
würdigerwei'se llegen entscheidende experimentelle Forschungen auf diesem vi'elum-
strlttenen Gebiete nicht vor. Wenn sie einmal angestellt werden, sollte grundsätzlich
daS Kind immer in Parallele zu bestimmten geistigen Entwicklungsstufen der Völker
betrachtet werden. Damit gewänne man einen sicheren Ausgangspunkt.
Keine Untersuchung zur Jugendlektüre darf aber vergessen, daß die ästhetische Er-
ziehung nur ein Teilstück der ganzen Frage ist. Nimmt man das belehrende Jugend-
buch hinzu, so steht man vor ganz neuen weitschichtigen Problemen. Hier handelt
es sich um ganz andere Seiten deS Seelenlebens. Ferner kommt hier das Form-
problem hinzu. Bei der Dichtung liegt ein formgegebenes Gebilde vor, das in
Auswirkung bestimmter seelischer Gesetze entsteht. Die Darstellungssormen der Wis-
senschast aber, die der Jugend gemäß sind, müssen teilweise noch gefunden vder
noch erprobt werden. Wir wissen heute noch nicht mit Sicherheit, welche Form
daS ideale belehrende Buch haben muß, um mit derselben geistigen Jntensität wie die
Dichtung ausgenommen zu werden. Hier ist also noch eine ungeheure Arbeit zu
leisten. Jst auch ihre Richtung heuke schon erkennbar, so dürsten bis zu ihrer voll-
ständigen Bewältigung doch noch Jahre vergehen.
Die Jugendschriftenbewegung hat es also, wie ihre Gegner häusig sagten, keines-
wegs nur mit „einem bißchen ästhetischer Crziehung" zu tun, sondern es handelt
sich um eine Bildungöaufgabe allergrößten Ausmaßes. Diese steht einerseits als
selbständige Erscheinung da und bildet den wesentlichsten Bestcmdteil jeder geistig-
sittlichen Jugendpslege, andererseits ragt sie mit mannigsachen Verästelungen in
die Haus- und Schulerziehung hinein.
Die VergangenheiL als HisLorie und Mythos
Von Erwin Reisner
ie sogenannte „doppelte Buchsührung", die man den Angelsachsen so gerne
vorwirft, ist streng genommen sür das gesamte europäische Denken des nun
seinem Abschluß entgegengehenden Zeitalters typisch. Nur wenige brachten
bisher den Mut auf, die grundsätzliche Religionslosigkeit der streng wissenschastlichen
Weltanschauung und ihren eigenen Atheismus ossen einzugestehen. Die weitaus
meisten lobten mit scheinheiligen Lippen Gott oder doch — was im Grunde das-
selbe ist — irgendeinen positiven Wert und kümmerten sich im übrigen, soweit es
sich um die Dinge der Wirklichkeit handelte, wenig um ihn. Der Frage nach der
Vereinbarkeit des wissenschastlichen Weltbildes nicht nur mit den Ossenbarungen
der Schrift, sondern auch mit den elementarsten Gesetzen der religiösen und ethischen
Logik wich man ängstlich aus. Man wollte sich mit diesen peinlichen, die Zufrie-
denheit des Fortschrittsgläubigen störenden Dingen nicht abgeben.
Zu den primären religiös-logischen Postulaten gehört auch der Mythos vom Absall.
Logisch ist dieseS Postulat deshalb, weil der Mensch, sofern er sich als Träger eines
Wertes begreift, in seiner heutigen Gestalt, die, wie niemand leugnen wird, sehr
weit von der Vollkommenheit entsernt isl, weder auö einem Minderwertigen oder
gar aus dcm Nichts allmählich hervorgcwachsen sein kann — denn das Niedere
läßt sich niemalö als EntstehungSursache deS Höheren denken —, noch auch dem
Werthastcn oder Göttlichen von Ewigkeit her gleichgesetzt werden darf, weil dies
seiner tatsächlichen Unvollkommenheit widersprechen würde. Nur durch den Mythos
vom Abfall, von der schrittweisen Loslösung von Gott läßt sich hier das logische
Bedürsniö befriedigen.
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wie der Erwachsene empflnde. Demgegenüber haben andere, z. B. Ackerknecht, be-
hauptet, daß dem Kmde ästhetlsches Empsmden fast vollkommen abgi'nge. Merk-
würdigerwei'se llegen entscheidende experimentelle Forschungen auf diesem vi'elum-
strlttenen Gebiete nicht vor. Wenn sie einmal angestellt werden, sollte grundsätzlich
daS Kind immer in Parallele zu bestimmten geistigen Entwicklungsstufen der Völker
betrachtet werden. Damit gewänne man einen sicheren Ausgangspunkt.
Keine Untersuchung zur Jugendlektüre darf aber vergessen, daß die ästhetische Er-
ziehung nur ein Teilstück der ganzen Frage ist. Nimmt man das belehrende Jugend-
buch hinzu, so steht man vor ganz neuen weitschichtigen Problemen. Hier handelt
es sich um ganz andere Seiten deS Seelenlebens. Ferner kommt hier das Form-
problem hinzu. Bei der Dichtung liegt ein formgegebenes Gebilde vor, das in
Auswirkung bestimmter seelischer Gesetze entsteht. Die Darstellungssormen der Wis-
senschast aber, die der Jugend gemäß sind, müssen teilweise noch gefunden vder
noch erprobt werden. Wir wissen heute noch nicht mit Sicherheit, welche Form
daS ideale belehrende Buch haben muß, um mit derselben geistigen Jntensität wie die
Dichtung ausgenommen zu werden. Hier ist also noch eine ungeheure Arbeit zu
leisten. Jst auch ihre Richtung heuke schon erkennbar, so dürsten bis zu ihrer voll-
ständigen Bewältigung doch noch Jahre vergehen.
Die Jugendschriftenbewegung hat es also, wie ihre Gegner häusig sagten, keines-
wegs nur mit „einem bißchen ästhetischer Crziehung" zu tun, sondern es handelt
sich um eine Bildungöaufgabe allergrößten Ausmaßes. Diese steht einerseits als
selbständige Erscheinung da und bildet den wesentlichsten Bestcmdteil jeder geistig-
sittlichen Jugendpslege, andererseits ragt sie mit mannigsachen Verästelungen in
die Haus- und Schulerziehung hinein.
Die VergangenheiL als HisLorie und Mythos
Von Erwin Reisner
ie sogenannte „doppelte Buchsührung", die man den Angelsachsen so gerne
vorwirft, ist streng genommen sür das gesamte europäische Denken des nun
seinem Abschluß entgegengehenden Zeitalters typisch. Nur wenige brachten
bisher den Mut auf, die grundsätzliche Religionslosigkeit der streng wissenschastlichen
Weltanschauung und ihren eigenen Atheismus ossen einzugestehen. Die weitaus
meisten lobten mit scheinheiligen Lippen Gott oder doch — was im Grunde das-
selbe ist — irgendeinen positiven Wert und kümmerten sich im übrigen, soweit es
sich um die Dinge der Wirklichkeit handelte, wenig um ihn. Der Frage nach der
Vereinbarkeit des wissenschastlichen Weltbildes nicht nur mit den Ossenbarungen
der Schrift, sondern auch mit den elementarsten Gesetzen der religiösen und ethischen
Logik wich man ängstlich aus. Man wollte sich mit diesen peinlichen, die Zufrie-
denheit des Fortschrittsgläubigen störenden Dingen nicht abgeben.
Zu den primären religiös-logischen Postulaten gehört auch der Mythos vom Absall.
Logisch ist dieseS Postulat deshalb, weil der Mensch, sofern er sich als Träger eines
Wertes begreift, in seiner heutigen Gestalt, die, wie niemand leugnen wird, sehr
weit von der Vollkommenheit entsernt isl, weder auö einem Minderwertigen oder
gar aus dcm Nichts allmählich hervorgcwachsen sein kann — denn das Niedere
läßt sich niemalö als EntstehungSursache deS Höheren denken —, noch auch dem
Werthastcn oder Göttlichen von Ewigkeit her gleichgesetzt werden darf, weil dies
seiner tatsächlichen Unvollkommenheit widersprechen würde. Nur durch den Mythos
vom Abfall, von der schrittweisen Loslösung von Gott läßt sich hier das logische
Bedürsniö befriedigen.
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