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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 3 (Dezemberheft 1926)
DOI article:
Reisner, Erwin: Die Vergangenheit als Historie und Mythos
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Reinshagen, Adolf: Eupen-Malmedy
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0188

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Urmythos. Denken wir nns die Richtnng dieser Ableitnng nmgekehrt, so ergibt sich
das solgende Bild: Der Sündenfall, der Absall ans der harmonischen Urzweiheit
bedingt daS progressive Anseinandertreten der beiden Pole. Der weibliche wird znr
gebärenden Mutter nnd schließlich znr kausalen Historie, der männliche zum urani-
schen Bater und schließlich zum abstrakten jenseitigen Geist-Wert. Der uns geläu-
sige Gegensatz zwischen Evolution aus der Nakur und Emanation auS dem absoluten
Geist, zwischen wirklicher Geschichte und unwirklichem Mythos ist also nichts weiter
als das letzte ErgebniS des Sündensalls selbst. Jn >der Wirklichkeit,
im wirklich Gewesenen können unsere getrübten Augen den Wert nicht mehr sinden,
und in das Gebiet der Wertwahrheit reicht unsere Wirklichkeit nicht hinein.

Gerade aus dieser, ossenbar trostlosen Dissonanz herauS sucht der heutige Mensch
in seiner Vergangenheit nach dem verlorenen Paradies. DaS ist der ganze Sinn
unserer jüngsten Mythologie. Aber die Sehnsucht wird sich in so einfacher und
schmerzloser Weise nicht stiilen lassen. Was hier entwickelt wurde, ist ja lediglich
eine thevretische Rekonstruktion, der in unserem saktischen Vergangenheitsbild
keine Realität entspricht und entsprechen kann. Für uns erschöpft sich das objektiv
Gewesene restlos in der Historie. Sie ist sozusagen daS Pfund, mit dem wir zu
wuchern haben. Wir können die Synthesis wohl in Gedanken sinden und uns
romaritisch schwärmend an ihr ergötzen, aber wir können ihr kein Leben mehr ein-
hauchen. Deshalb müssen auch alle Versuche, den Mythoö wieder in die Wirklichkeit
zu zaubern, sei eS durch literarische Wiedererweckung älterer Mythiker, durch Hero-
isierung einzelner geschichtlicher Personen oder durch gewaltsame Jneinssetzung von
Mythos und Historie (Dacquc), am Ende praktisch sruchtlos bleiben. Jhr allerdings
nicht zu unterschätzender Wert besteht lediglich darin, daß sie zur Besinnung anregen.
Uns bleibt zuletzt nur die eine Möglichkeit, den gegebenen Zwiespalt als durch uns
verschuldet anzuerkennen, das heißt mit anderen Worten: in unS selbst die Scheidung
vorzunehmen zwischen dem, was dem Wert, und dem, was dem Unwert angehört.
Das ist gewiß ein schwerer chirurgischer Eingriss, aber ebcn doch der letzte AuS-
weg, der uns bleibt. Wir haben der Forderung nach unbedingter Anerkennung des
Geistigen und Logischen Folge zu leisten, auch wenn wir damit inS Unwirkliche ge-
rissen werden, und die unwertbedingte Wirklichkeit zu opsern. Hier liegt der tiefste
Sinn des vielumstrittenen Worteö von der Rechtsertigung allein durch
den Glauben: Dielleicht wird das uns vorgeschriebene Opser die Gegensätze
versöhnen, und vielleicht eröffnet sich hinter der Nichts-Nacht, durch die wir unbe-
dingt hindurchmüssen, der Ausblick in e!n neueö Paradies, aber nur — vielleicht.

Eupen-Malmedy

Bon Adols Reinshagen-Schlciden

ine Zeitlang schien eS, als ob Eupen und Malmedy vergessen seien. Viel We-
l o skns hatten die beiden bescheidenen Kreise, die in der Südwestecke des Rcgie-
rungsbezirks Aachen, seitab von allem Verkehr, von je ein wenig beachtetes
Dasein sührten, nie auS sich gemacht. Und nachdem nun die neue Grenzlinie sie
endgültig vom deutschen Mutterlande ausgeschlossen, schien es, als habe man sic
„abgeschrieben". Als dann aber kürzlich durch die Presse bekannt und durch Regie-
rungSerklärung bestätigt wurde, daß ernsthafte Verhandlungen wegen ihrer Rück-
gabe in greifbarer Nähe gewesen waren, da slackerte plötzlich das allgemeine Jn-
teresse wieder auf; und nachdem nun auch in Thoiry — wie die Presse trotz aller
offiziellen Geheimhaltung wissen will — Stresemann und Briand über die Rückgabe
gesprochen haben — obwohl die Frage nicht unmittelbar zu den zwischen Deutschland
und Frankreich zu bereinigenden Angelegenheiten gehört —, stehen die beiden Kreise
 
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