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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 3 (Dezemberheft 1926)
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Reinshagen, Adolf: Eupen-Malmedy
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Lose Blätter
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0193

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Exklaven gebildet worden sind. Natürlich führt eine derartige Regelnng rapide zu
einer wirtschaftlichen Verkümmernng solcher Gebiete.

Abschlicßend ist noch zn sagen, daß die abgetrennten Gebiete am i. Mai ig2A dem
Arrondissement Derviers angegliedert wurden. Jm August dieses Jahres ist aus Be-
schluß des belgischen Ministerrats daS bisher noch aufrechterhaltene legislative Son-
derregime aufgehobcn und die belgische Zivil- und HandelSgesetzgebung in den „Kan-
tonen" Eupen und Malmedy eingeführt worden.

Wer mit Land und Leuten von Enpen-Malmedy in Berührung kommt, hört immer
wieder, daß man den gegenwärtigen Zustand nicht als endgültig
h i n n i m m t. Auf der andern Seite verlautet auch immer wieder, daß in Belgien
selbst die Aussassung über den Gewinn, den die Annerion der beiden Kreise dem bel-
gischen Staate wirtschastlich und politisch bringen sollte, sich sehr gewandelt habe.
Gerade die letzten Derhandlungen zeigten aber auch, daß die Wege zu einer friedlichen
Berständigung übcr die endgültigen Besitzverhältnisse noch nicht verschüttet sind. Und
Thoiry eröffnete dazu neue Aussichtenl — Schon mancher Jrrtum des Dersailler
Dertrages, aus Haß imd Unverstand geboren, hat seine Berichtigung gefunden. Auch
das Losreißen Eupcns und Malmedyg wird eineS Tages als Jrrtum und Unver-

stand erkannt werden. Man muß nur Geduld haben und warten können, bis die
Zeit erfüllt ist.

i'ußer den beiden für die Weihnachtszeit gewählten Gcdichten auS dem reichen
^ I Werk des Lyrikers bringen wir kleinere Aufsätze des Publizisten Avenarius
zum Abdruck, um die Ausführungcn Wilhelm Stapels durch Avenarius' eigcnes
Wort zu unterstützen. Wenn diese Proben auch kein Bild von der Fülle seiner
Jdeen geben können, so doch von deren Gewicht, Lebendigkeit und Fruchtbarkeit.
Die Erzählung von der Geburt Jesu stammt auS dem schönen Buche des vlämischen
Dichters Felix TimmermanS, den uns der Jnsel-Derlag, der auch den Ab-
druck des vorliegenden Stückes freundlich gestattete, dankenswerterweise zugänglich
gemacht hat.

Aus den SchrifLen von Ferdinand Avenarius

Der Seelchenbaum

Weit draußen, einsam in ödem Raum,

Steht ein uraltcr Weidenbaum,

Noch auS den Heidenzeiten wohl,

Derknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.
Keiner schneidet ihn, keiner wagt
Dorüberzugehn, wenn's nicht mehr tagt,

Kein Dogel singt ihm im dürren Geäst,
Raschelnd nur spukt drin der Ost und West:
Doch wenn am Abend die Schatten düstern,
Hörst du's wie Sumsen darin und Flüstern.

Und nahst du der Weide um Mitternacht,
Du siehst sie von grauen Kindlein bewacht:

Auf allen Ästen hocken sie dicht,

Lispeln und wispeln und rühren sich nicht.
 
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