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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 3 (Dezemberheft 1926)
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Lose Blätter
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Umschau
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0208

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„Ach, es ist der Blinde," sagte einer der Hirten zu Maria, „er ist betrübt, wei'I
er daö Kindlein nicht sehen kann."

„Nei'n, darum i'st eS nicht," schluchzte der blinde Jodocus, auS seiner Ecke hervor-
kommend, „denn ich habe Licht gesehen. Aber ihr alle könnt dem Kinde etwas
schenken, doch Blinde haben m'chks zu schenken. Jst das nicht traurig?... Ach, es
schneidet mir wie mit Messern durchs Herz. Aber," sagte er dann demütig slehend
zu Maria, „darf ich Euch ei'n schöneS Licdlein spielen auf meiner Geige? Es ist
das einzige, was ich geben kann, wcil ich nichts anderes habe. Blinde sind auf dcr
Welt, um zu empfangen."

„Gewiß, bester Mann," sagte Maria, und ein Iittcrn von Mitleid war ,'n ihren Worten.
Es wurde still, ganz still; der Blinde lächelke nach etwas, und dann begann er die
Saiten zu strcichen mit einer edlen Gebärde. Sein rotes Gesicht wurde weiß vor
Erregung, und auS seiner Geige floß ein Sang, der den Engeln von vorhin ge-
stohlen schien. Der ganze Stall wnrde davon erfüllt, das Kind schwieg, und all
die Bauernköpfe, die beinah nie etwas anderes gehört hatten als die eintönige
Musik in der Kirche oder eine Polka auf der KirmeS, wurden von seiner Reinhcit
erfüllt, und es kam etwas über sie, welches das Schönste war, was sie besaßen.
llber diesen rauhen, ungeschorenen, armcn Menschcn strahlte der königliche Glanz
ihrer Seelc, und dem Blinden tropfken die Tränen von den Backen.

Und als er fertig war und sein Bogen ncbcn ihm hing, stand er wieder da und
lächelte zu etwas hinauf.

„Jch hab das Kind gesehn," schluchzte er, „ich hab es gesehn! Ach, cs ist so herr-
lich und so schön!"

Umschau

Dic Bankunsi auf der Gesolei

ie Herrlichkeiten der Gesolei sind versun-
ken, abcr die Massiobaulcn, die sie hcroor-
gerufen, überliefern kommenden Geschlechtern
di'e Erinnerung an sie. Einige goldenc Medai'l-
lcn, die nachträglich verteilt werden, geben
dcr Veömutung Raum, daß dcr klingende
Erfolg cin gukcr gcwescn. tlbcr die gcißige
Bcdcutung ihrcS Jnhaltcs bcsitze ich kcin
Urteil, nur habe ich von Kennern gehört, daß
man eincn großen Teil schon anderweitig gc-
sehen. Mir iß aufgcfallen, daß trotz dem
Dienst an der Gesundheit und der mituntcr
rechk kräftigcn Wcrbung für Trockcnlegung
trotzdem für reichlichsten Alkoholgenuß jcg-
licher Ark umfänglich gesorgt war; daß
die Bclehrung durch eincn allzu starkcn
Emschlag deS Geschäftlichen keineswegs im-
mcr in dcr wünschcnswcrtcn Klarheit und
Eindringlichkeit zur Auswirkung kam. Dieser
Einschlag nahm teilweise Formcn an, dcren
gcschmackliche Seite durchauü zweifelhaft ge-
wesen, wie etwa in der Säuglingsstakion,
die letzten Endes doch nur der Reklame ge-
dient: Das Benchmen der hier stets zahl-

reich vcrsamincltcn Bcsucher war mir in-
tcrcssantcr und kcnnzeichncnder für dic Nüh-
lichkcit solchcr Einrichkungcn als diesc sclbst:
man bcsichtigte dic kleincn Würmer wie auf
cinem afrikanischcn Sklavcnmarkt, und cr-
freutc sich an ihrcm imfreiwilli'gcn Humor
und dem manchcr Situationcn. Gcwiß darf
man nicht allzu strcng mit dicfcr Scitc cincr
großen Auüstcllung inS Gericht gchcn; ein
solches Unternehmcn hat viclc Auülagcn und
Spesen, die kaum nuf andere Weise zu
decken sind. Unglcich bcdenklicher ist cü,
daß man bei dieser Gelegenhcit cinc große
Anzahl gcwichtigcr Massiobauten aufsührte,
die ungehcuercS Geld kosteten und künst-
lerisch recht problematisch sind. „Allc Sün-
dcn könncn vergcben werden, nur riicht die
Bausünden." (Gocthe.) Hicr abcr ist viel-
fach gesündigt wordcn. AuüstellungSbautcn
sind scit langcm dcr Nicdcrschlag der jc-
wciligcn Baugcsinnung und eine willkom-
nicnc Gclcgcnhcit, dercn Probleme in gleich-
sam improoisierender Frciheit zu studicren
und zu gestaltcn. Sie haben deühalb viel-
fach auf die folgcnde Entwicklung bcdeutsam
eingcwirkt. Wenn aus der gegenwärtigen
 
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