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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 4 (Januarheft 1927)
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Gerathewohl, Fritz: Deutsche Sprechkultur
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0240

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XXXX.

Deutsche SprechkulLur

Von Frih Gerakhewohl

I.

I^er iii deukscheu ParlamenLen nnd Versammlungsräumeii, in Hör- und
'^-^'-^Bortragssälcn oder wo sonst auch immcr, da sich außerhalb des Theaters
sprachliche Mitteiluug über die Form des zwanglosen Alltagsgesprächs crhebt,
nüt kritischen Ohren zu höreu versteht, dem crwächst die Tatsache, daß die
lcbendige Sprache in seiucm Lande im ganzen noch immcr in ciner Weise
vernachlässigt wird, wic dies unter anderen Kulturvölkern kanm anzutressen ist.
Sprachwisscr, die aufs kicsste beschämt wären, könnte man sie eines einzigen
Fchlers gcgen die Regeln der Schristsprache zeiheu, bcmühen sich in Deutsch-
land nicht, auch nur die cinfachßen GescHe cines lautreincn, sinngemäßen uud
vcrständigen Sprechens zu bcachten, Politiker, die allerwege das Preislied auf
die einigende und erweckende Kraft der deutschen Sprache anstimmen, stehen
zu deren Laukstand wie zu eincr seilen Dirne, nnd Dichter, denen das Llr-
phänomcn NhyLhnms erstcr Ankricb ihres Schasfens war, sind außerstande,
ihn sich selbst und andercn, Worke Lragend, zum Ausdruck zu bringen. Wohl
sind wir Deutschc das Volk, dcssen Zunge sich am lcichtesten denen andcrer
Bölkcr anzupassen vermag, das von jeher eifrig war, anderer Sprache geläu-
fig und rein nachzubilden, fragt aber ein Fremdsprachiger zehn Deutsche ge-
bildeter Ständc um die Gesetze ihrer cigencn Lautbildung, so wird er, je nach
deren Hcrkunst und Gewohnheit, zchn vcrschiedene Antworten crhalten und
erkennen müssen, daß diejcnigen unker uns, die wie ein Pariser Akademiker
die rechte Melodie des Französischcn behcrrschcn oder das Th, W nnd R eincs
englischen Schauspielers zu artiknliercn vermögen, iiichks wissen nm das, was
als deutschc Hochsprache seik mehr als zwanzig Iahren eine feste Regelung
erfahren hat, abgesehen davon, daß sie Höhe, Stärke und Farbe des Lautes,
Melodie und Rhythmus dcr Sätze seltcn nur ihren Gedanken und Gefühlen
gemäß anzuwenden und den Gesetzcn dcr Stimmhygiene kaum Nechnung zn
kragcn vermögen. In der Tat, man ist versucht, noch heuke die Bitternis cines
E. M. Arndt zu tcilcn, die cr in die Worte legke: „Wer sieht — ich frage
euch Deutsche und erinnere euch daran, daß ihr ench schämk — wcr sieht an-
derswo die Erschcinung, dic wir jeden Tag sehcn können, daß von tauscnd
Deutschcn kaum cincr richtig deutsch lesen und aussprechen kann?"

Sucht man nach dcn Gründen, die für dcn Tiefstand heutigcr deukscher Sprech-
knltur bestehcn mögcn, so sind sie cinmal wohl darin zu sinden, daß der
Deutsche, seitdcm er in die Fangarme des Rationalismus gerict, die Bildung
des Intellekts als fast ausschließliches Ziel seiner Pädagogik ansah und die
äßhetische Erziehung allzu geriug wcrtete. Zum andern aber Lrisft die Schuld
an diesem Zuskand die Philologie des ig. Iahrhunderks, deren Tendenz fast

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Ianunihcft 1927 (XXXX. 4)
 
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