bereich zu ziehen. Das Tier bleibt stets auf sein Affektleben und auf die an-
schaulich vor ihm ausgebrei'tete Gegenwart befchränkt, toährend der Menfch ver-
mittels seiner Sprache und Dernunft in räumli'ch-zeitli'che Fernen vorzudringen
und im Bereiche selner Wissenfchaft, Moral und Kunft zur Loslösnng vom kör-
perlichcn Triebleben, zur „geiftigen Freiheit" fortzufchrciten vermag.
Die Superiorität des Menfchheitsprinzips berechtigt uns zu der Auffassung, daß
mit dem Menfchen das Leben auf ei'ne neue, höhere Plattform gerückt ift, von
der aus alle Vorderftufen beherrfcht tverden. Der Menfch fteht über dem Tiere.
Ob er darum mehr „wert" sei als das Tier, ift eine Frage, die mir beantwortet
werden könnte, wenn wir wüßten, ob die Natur mit dcm Menfchen höhere Ab-
sichten verfolgt als mit dem Tiere. Das läßt sich aber mit wissenfchaftlichen
Mitteln fchon gar m'cht mehr erweisen, es läßt sich höchftens ahnen. Schon der
einfache Tatbeftand einer „auffteigenden Tendenz" im Entwicklungsprozcß, mit
dem Menfchen als Ziel, mag unsern speknlativen Geift in die Richtung einer beson-
deren „Beftimmnng" des Menfchen treiben. Auch gewisse „feierliche Tatsachen"
im menfchlichen Leben, wie die Erbauung in der Moral, die Verzückung in der
Kunft, die über eine bloße Anpassung hinauSzuweisen fcheinen, mögen diesen Ein-
druck verftärken. Wir gelangen dann zu Vorftellungen, in denen der Menfch als
„Sinn" deü Entwicklungsprozesses und selbft als „Sinn der Erde" auftritt.
Es kann nicht Zweck dieses Aufsatzes sein, tiefer in die Metaphysik einzudringen.
Es genügt, gezeigt zu haben, daß alle Naturwissenfchaft zuletzt in die Meta-
physik einmündet. Wollen wir zu einem vollen Derftändnis der Entwicklnng ge-
langen, vor allem ihreS Aufftieges und ihrcs Zieles, so müssen wir ihr einen
Sinn unterlegen. Sonft würden wir leeren Tatsachen gegenüberftehen, mit denen
wir nichtö anzufangen wüßten. So ftellt die Metaphysik den sinnvollen Zusammen-
hang aller Dinge und alles Gefchehens wieder her, den wir durch wissenfchaftliche
Zergliederung zerrissen haben. Wie nun der Naturforfcher in die Metaphysik hin-
übergreift, so hat seinerseits der Metaphysiker an die Naturwissenfchaft anzu-
knüpfen. Die Zeiten, in denen man aus rein abftrakten Prinzipien spekulative
„Tatsachen" fchuf und empirifche Tatsachen beftritt, sind ebenso endgültig über-
wunden wie die nachfolgende Periode, in der man mir die reine Empirle gelten
lassen wollte. Empirie und Metaphysik haben vielmehr sich gegenseitig zu ergänzen,
aber in der Weise, daß ftets der Erfahrungsftoff maßgebend bleibt. Die Wissen-
fchaft ift der bronzene Fels, um den sich alle Metaphysik rankt. Auf die Ent-
wicklungölchre bezogen heißt dieses, daß an den Tatsachen des anffteigenden Lebens
nicht gerüttelt werden darf, um sie gewaltsam in ein philosophifches Syftem zu
pressen. Es ift nun einmal alles erft „geworden", und als letztes aller Wesen ift der
Menfch auf dcm Plan der Natur erfchienen. Nur eine Metaphysik, die von diescn
Tatsachen ausgeht, ift zeitgemäß und darf Anspruch auf Anerkennung erheben.
Aus Edgar Darqueö „9"taLur und Seele"
Der ensch als M a ß
Li^s gilt als cin Ruhmesblatt europäischcr Nlaturforschung, daß die Koperni-
^'kanische Welklehrc dic Erde, die Heimstätte des Menschen, aus dem früher
erträumken Mittclpunkt der Welt verstoßen, die biologische Abstamnmngs-
lehre cbcnso den Menschen selbst seiner zenkralen nnd einzigartigen Stellung der
2^3
schaulich vor ihm ausgebrei'tete Gegenwart befchränkt, toährend der Menfch ver-
mittels seiner Sprache und Dernunft in räumli'ch-zeitli'che Fernen vorzudringen
und im Bereiche selner Wissenfchaft, Moral und Kunft zur Loslösnng vom kör-
perlichcn Triebleben, zur „geiftigen Freiheit" fortzufchrciten vermag.
Die Superiorität des Menfchheitsprinzips berechtigt uns zu der Auffassung, daß
mit dem Menfchen das Leben auf ei'ne neue, höhere Plattform gerückt ift, von
der aus alle Vorderftufen beherrfcht tverden. Der Menfch fteht über dem Tiere.
Ob er darum mehr „wert" sei als das Tier, ift eine Frage, die mir beantwortet
werden könnte, wenn wir wüßten, ob die Natur mit dcm Menfchen höhere Ab-
sichten verfolgt als mit dem Tiere. Das läßt sich aber mit wissenfchaftlichen
Mitteln fchon gar m'cht mehr erweisen, es läßt sich höchftens ahnen. Schon der
einfache Tatbeftand einer „auffteigenden Tendenz" im Entwicklungsprozcß, mit
dem Menfchen als Ziel, mag unsern speknlativen Geift in die Richtung einer beson-
deren „Beftimmnng" des Menfchen treiben. Auch gewisse „feierliche Tatsachen"
im menfchlichen Leben, wie die Erbauung in der Moral, die Verzückung in der
Kunft, die über eine bloße Anpassung hinauSzuweisen fcheinen, mögen diesen Ein-
druck verftärken. Wir gelangen dann zu Vorftellungen, in denen der Menfch als
„Sinn" deü Entwicklungsprozesses und selbft als „Sinn der Erde" auftritt.
Es kann nicht Zweck dieses Aufsatzes sein, tiefer in die Metaphysik einzudringen.
Es genügt, gezeigt zu haben, daß alle Naturwissenfchaft zuletzt in die Meta-
physik einmündet. Wollen wir zu einem vollen Derftändnis der Entwicklnng ge-
langen, vor allem ihreS Aufftieges und ihrcs Zieles, so müssen wir ihr einen
Sinn unterlegen. Sonft würden wir leeren Tatsachen gegenüberftehen, mit denen
wir nichtö anzufangen wüßten. So ftellt die Metaphysik den sinnvollen Zusammen-
hang aller Dinge und alles Gefchehens wieder her, den wir durch wissenfchaftliche
Zergliederung zerrissen haben. Wie nun der Naturforfcher in die Metaphysik hin-
übergreift, so hat seinerseits der Metaphysiker an die Naturwissenfchaft anzu-
knüpfen. Die Zeiten, in denen man aus rein abftrakten Prinzipien spekulative
„Tatsachen" fchuf und empirifche Tatsachen beftritt, sind ebenso endgültig über-
wunden wie die nachfolgende Periode, in der man mir die reine Empirle gelten
lassen wollte. Empirie und Metaphysik haben vielmehr sich gegenseitig zu ergänzen,
aber in der Weise, daß ftets der Erfahrungsftoff maßgebend bleibt. Die Wissen-
fchaft ift der bronzene Fels, um den sich alle Metaphysik rankt. Auf die Ent-
wicklungölchre bezogen heißt dieses, daß an den Tatsachen des anffteigenden Lebens
nicht gerüttelt werden darf, um sie gewaltsam in ein philosophifches Syftem zu
pressen. Es ift nun einmal alles erft „geworden", und als letztes aller Wesen ift der
Menfch auf dcm Plan der Natur erfchienen. Nur eine Metaphysik, die von diescn
Tatsachen ausgeht, ift zeitgemäß und darf Anspruch auf Anerkennung erheben.
Aus Edgar Darqueö „9"taLur und Seele"
Der ensch als M a ß
Li^s gilt als cin Ruhmesblatt europäischcr Nlaturforschung, daß die Koperni-
^'kanische Welklehrc dic Erde, die Heimstätte des Menschen, aus dem früher
erträumken Mittclpunkt der Welt verstoßen, die biologische Abstamnmngs-
lehre cbcnso den Menschen selbst seiner zenkralen nnd einzigartigen Stellung der
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