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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 5 (Februarheft 1927)
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Bonus, Arthur: Alte Chroniken
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Lose Blätter
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0359

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Aber das Ziel ist ein andreS, und der Kern der Welr isl nicht der Kampf urris Da-
sein — der ließe sich auf Bienen- und Arneisenweise abstellen —, sondern der Kampf
umS höhere Dasein.

Das gibt es nur in Gewissen unö Ahnung. Und manchmal bricht es gerade da auf,
wo cs bewußter Weise gar nicht gesucht wurde. Es wurde vielleicht außerhalb der
Welt gesucht, und lange Folgen von Geschlechtern arbeiteten daran, das Jnteresse
an der Welt in sich zu töten, schließlich erweist sich, daß eine starke Selbstzucht das
war, was dadurch erreicht werden mußte.

Aber es gehört zu diesem unbekannten Ziel auch alles „Äußere"; denn auch das
Äußere ist ja ein JnnereS; es gehört das ganze Menschsein dazu: man darf eS
nicht in etwas rein Geistigem suchen; nicht das Hirn und nicht das Herz, sondern der
ganze Mensch; nicht die Wissenschaft oder die Wirtschaft, nicht die Kunst oder der
Staat, sondern daS ganze Menschsein, das ganze Weltsein, das ganze Sein.

Wo eine neue Religion sich bildet, da bricht ein neues Dolk auf, eine neue Schöp-
fung, eine neuc Schöpfungsidee — blind, wie der Seher bli'nd ist, unbewußt, wie
die Schöpfung unbewußt ist — daS Höchste ist dabei, das Niedrigste ist dabei.

Wir werden alle Gedanken, alle Arbeit darauf richten müssen, das Niedrigste soweit
zurückzudämmen, daß das Blutvergießen gemieden werden kann; denn waS von
höherem Dasein uns in Ahnung und Gewissen lebt, daS will nicht rohe Bergewal-
tigung, aber wie schließlich die Schöpfung schreiten will, — wlr wissen eS nicht.
Und ob das, was unsrer Kulturgemeinschaft Moral ist, dasselbe ist, waS eine höhere
Menschenstufe als recht empfinden wird, — wir wissen es auch nicht.

Wenn es heute neben Leichtsinn, Flachheit und Berantwortungölosigkeit einen ernst-
haften Jmmoralismus gibt, so ist das wohl auch ein Zeichen dafür, daß eine
Ahnung höberen Menschentums, als durch unsere Moral bestritten wird, uns im
Blute steckt.

Auch das ein Parador der Geschichte, daß im selben Stadi'um, wo die Religion lhr
Wesen in Moral zu setzen beginnt unö öamit gar eine Derjüngung der Neligion auf
kaltcm Wege ;u erreichen hofft, sie sich gezwungen sah, die „Eigengesetzlichkeit"
weiter Lebensgebiete zu verkünden, will sagen: ihre notgcdrimgene Entlassung aus
dem Durchflutungsbereich der Religion.

Und daß andererseits ein so positiver Jmmoralismus wie öer Nietzsches slch auf-
machcn konnte. Ein Lebenswort, das wieder moralinfrei und durch und durch
religiös, will sagen: schöpferisch auftönte.

Lose BläLLer
PesialoM-WorLe

AusgewählL von Alfred Schuhmann-Marburg
Aphorismen zu Neligion und Leben

1.

Der Gesichtspunkt, mit wclchem ein jedcr Nrensch die Gegcnständc ansicht,
ist nicht sowohl seine cigene Sache, als die Sache der Umstände und der Vor-
sehung, welche ihm genau seine 2lugen nnd keine anderen gegeben und ihm
gcwisse Seiten der Wahrheit nahc und gewisse andere serngestellk hat.

2.

Heuchelci ist die Mutter aller Entkrästung. Ihre Kinder sind Schwächlinge;
und Schwächlinge, die Gewalt habcn, sind in jedem Fallc drückender nnd ge-
walttätigcr als gcsundc und krastvolle, wenn auch rohe und harte Männer.

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