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Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,1.1926-1927

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Heft 6 (Märzheft 1927)
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Grisebach, Eberhard: Auf der Suche nach dem ethischen Felde der Erziehung
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Remmer, Ernst: Erziehung und Jugendbewegung
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https://doi.org/10.11588/diglit.8881#0433

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an der Erziehung der Menschheit verbaut. Gegeu jedes absolute Systcm
muß protestiert werden. Es kann uns das gesuchte ethische Feld, auf wel-
chem die Erziehung der Menschen sich vollzieht, nicht durch Erkenntnis
angewiesen werden. Es liegk jeweils im Bereich dcr Ersahrung, der als
Gegenwark den wirklichcn Anspruch des anderen eiuschließt.

Erziehung und Jugendbewegung

Von Ernst Kemmer

^Ias Problem der Bildung und Erziehung hat immer einen polaren Cha-
'^-^rakter gehabt. Es stehen sich gegcnüber im Menschen der Lebenswille und
der Bildungswille. Der Mensch will leben, physisch leben, seelisch leben. Er
will triebhast, unbewußk, aus dcn biologischen und metaphysischen Hinter-
gründen des Lebens heraus leben. Er will ein Mensch sein, seine Natur als
Gattungswesen erfüllen. Er trägk aber auch den Drang in sich, die Form
seines individuellen Lebens auszuprägen, ebcn das Bild scines Wesens zu ge-
stalken, das Gesetz zu verwirklichen, das die lebendig in ihm wirkende Ente-
lechie vorgebildet hat. „Bor jedem steht ein Bild des, was er wcrdcn soll;
solang er das nichk ist, ist nicht sein Friede voll."

Diese beiden Triebe stehen im Bunde und im Gegensatz. Der Naturwille
muß in die geistige Form der Prägung des individucllen Menschentums aus-
genommen sein. Sonst gibt es kein volles, rundes Menschentum. Llber es
muß doch der seelische Drang nach Lebenserfüllung gezähmt und bezwungen
werdcn. Sonst gibt es keine Form. „Der Mensch wird nicht eher glücklich,
als bis scin unbedingtes Streben sich selbß eine Grcnze bestimmt", sagt Goethe
in Wilhelm Meister. Er hat es selbst erfahren.

Die Erziehung hat die Aufgabe, diesen Gegensatz zwischen dem natürlichcn
Lebenswillcn und Formwillcn in cinen gesunden Ausglcich zu bringen. Besscr
gesagk, sie hat die Ausgabe, den Menschen fähig zu machen, diesen Ausgleich
selbst vorzunehmen. Erziehung muß Anleitung zu Selbsterziehung sein. llnd
diese Selbstcrziehung ist eine Aufgabe, die über das ganze Leben sich crstreckt
und mit der der Mensch in seinem Leben nic ganz fertig wird.

Die Erziehung unserer Tage hat dicser Aufgabe gegcnüber vcrsagt. Daruni
ist einc Iugendbewegung entstanden. Aber damit ist auch dcr Iugendbcwegung
der Beruf zuteil geworden, an der Lösung des Erziehungsproblems der Zukunft
zu arbeiten.

Die Erziehung unserer Tage hat gegenüber dieser Aufgabe versagt, weil sie dic
Polarität des Problems im allgemeinen gar nicht gesehen hat. Sie hat die
Ausgabe nur von der einen Seite betrachtct, sie hat nur dem Fornrwillen
sein Recht gegeben. Aber sie hat nicht den Formwillen und Lebcnswillen in
Einklang zu bringen gesucht.

Zwei Grundmotive wirken sich harrptsächlich r'n der Erziehung der Gegenwart
aus, die der richtigen Erfassung des Erziehungsproblems im Wege stehen.
Sie sirrd vom Geist vergangener Iahrhunderte bestimmt und haben ihr ge-
schichklichcs Necht gehabt. Das eine ist eine Geringschätzung des Leibes und
,'m Zusammcnhang damit eine Geringschätzung all der Lebensantriebe, die ans
Bluk nnd Erde stanimen. Diese Geringschätzung stammk aus dem Mittelalker
 
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