Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Seite: 14
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart40_2/0028
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
es Verse von so großartiger AnschaulichkeiL, wie etwa diesen von dem träumen-
den Knaben, von dem es heißt, daß er liebLe.

LiebLe sein Jnneres, seines Jnneren Wildnis

diesen llrwald in ihm, auf dessen siummem GestürzLsein

lichLgrün sein Herz stand...

Hder wann vernahm man je einen so mächtigen AusLakL wie den dieser driLLen
Elegie, drei Themen zueinander bündelnd, sie unbegreislich sast zugleich er-
klingen lassend, wie es sonst nur der Musik vergönnt sein mochte? Oder
wann ward, ach seit wie langem schon, über den Helden Bündigeres und
Tieseres gesagL als in der sechsten?

Indessen, es ist hier nichL Raum, dieses Vcrmächtnisses im Einzelnen zu ge-
denken. MelleichL ist es ein Work, wenn man es welklich und geistig zugleich
nennL. Ntc zuvor haL Rilke die SeligkeiL dieser WelL so hoch gepriesen, nie-
mals im Augenblicke die EwigkeiL so inbrünstig umarmt. „Hiersein ist herr-
lich", bekennt er in der siebten.

SeHen wir zum Schluß noch das BekennLnis zu dieser Welt aus der neunten
Elegie hierher. Es ist die Liefe Verneigung eines wie keines vor ihm vielfälti-
gen Herzens vor der EinfalL dieser Erde. Es ist die Umarmung und ErkennL-
nis seines GoLLes in der letzLen unbeseelken KreaLur. Wir wissen heutc, daß es
der Abschied und die Heimkehr gewesen ist. Es heißL dorL:

Preise dem Engel die Welk, nicht die unsägliche, ihm

kannst du nichL großkun mit herrlich Ersühltem; im Weltall,

wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling, drum zeig

ihm das Einfache, das, von GeschlechL zu Geschlechtern gestalkek,

als ein Ilnsriges lebt neben der Hand und im Blick.

Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.

Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,
wie selbst das klagende Leid rein zur GestalL sich entschließt,
dient als ein Ding, oder stirbk in ein Ding...

Was, wenn Verwandlung nichk, ist dein drängender Auftrag?

Erde, du liebe, ich will...

Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.

Jmmer warst du im RechL, und dein heiliger Einfall
Ist der vertrauliche Tod....

Über die kulturelle BedeuLuug der ZeiLung

Von Hermann Rinn

^Iie ZeiLung hat sich innerhalb eines halben Iahrhunderts eine so unbezwing-
'^-Mchc MachLstellung errungen, daß sie radikal nur abzulehnen ist, wenn
man sich auf die „FluchL aus der Zeit" begibt und entweder ciner reaktio-
nären oder utopistischen Ideologie auslieferL. Für den zeitv e rb n n d en en
Menschen bleibk nur die Wahl, ob ihr eine subalterne oder die dominierende
BedcuLung zuzumessen ist, die sie sich anmaßk. WiderseHk man sich diesem
Anspruch, so bleibt man, besonders wenn RessenkimenL nu'Lspricht, zumeist
im bloßcn NegaLivismus stecken und glaubt mit dem WekLern gegen ihre
loading ...