Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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wenn er sich diese Tatsache nicht zum Bewußksein bringk, und vertritt so cine
dämonische Religion.

Um dem Versiändnis des Weiieren vorzuarbeiien, sollen zunächsi die Grund-
gedanken Freuds, soweii sie mii neuroiischen Erscheinungen zu kun haben,
kurz skizzieri werden. Die Psychoanalyse beirachiei jede neuroiische Siörung
als das krisenhafie Ergebnis einer zwiespäliigen Gefühls- und Willensrichiung,
der sogenannien „A m b i v a l c n z". Das ursprüngliche, ungebrochene Trieb-
leben des Menschen wird durch irgendeine hinzuireiende Hemmung, gewöhnlich
durch ein Verboi von außen, das sich als Moralvorschrifk oder dgl. darstellk,
eingeschränki, d. h. „vcrdräugi", in das Unbewußie verschoben. Während
also der Wille ursprünglich harmonisch aus ein einziges Ziel gerichiei war,
kommi nunmehr in das Wollen eine ZwiespälLigkeiL, indem einerseiks der ins
Iknbewußisein verdrängie Trieb uneniwegi, aber auch unbemerki seinem ur-
jprünglichen Wuuschziel weiker zustrebi, und andererseiks das vom BewnßLsein
geiragene Berboi eben diesem Trieb diameiral enkgegenwirki: die bekannien
zwei Seelen in der Brust, die sich aber nichi nur voneiuander irennen wolleu,
soudern, da ihnen ja eine solche Tremumg insolge ihres Bereinigisems in einem
cinzigen Jch niemals gelingen kann, sich auch wechselseikig auszuschließen oder
zu vernichken irachien.

Bis hierher haben wir es sreilich noch nichi mii einer Sonderenideckung der
Psychoanalyse zu iun. Die Ambivalenz ist eine sehr allgemein und längst
bekannie Erscheinung, wcnn sie auch vor Freud noch niemand geradezu in den
Miiielpunki eines Systems gestelli hai. Wir alle wissen, daß die sikiüchen
Geboie und Verboie, bie Münisestakionen unseres eihisch gerichieken Willens
in der überwiegenden Zahl der Fälle, vielleicht sogar immer, einen Trieb negie-
ren oder wenigstens in gewisse Schranken verweisen. 2lber nicht nur aus ethi-
schem Gebiei allein, auch sonst iriii die ambivalenie Disharmonie des Gefühls-
lebeus häusig genug ost'eu zu Tage. Das iypischste Beispiel vielleicht ist das
sogenannie Schwindelgesühl, das uns angesichis eines iiesen Abgrundes er-
faßi und das aus dem Widerstreik zweier Triebe seine hinreichende Erkläruug
findei. Der Schwereirieb uämlich, dem wir als körperliche Weseu genau so
wie jeder andere Körper unierworfen sind und der, wenn auch nur ganz dumps,
als Wunsch hinabzuspringen in unser Bewußisein hineinspieli, geräi mii dem
individuellen Selbsterhaliungsirieb in Konslikt. Der „psychologisch inieres-
sanie", weil relaiiv unbewußie Trieb ist naiürlich der zuerst angeführie, der
Schwerekrieb, der sich im Lichk des klaren Bewußisems geradezu als Selbst-
vermchiungsiri'eb darstelli. Das menschliche Jch will sich also gleichzeikig selbst
erhalien und selbst vcrnichken.

Solange aber beide V2illensrichiungen überbücki werden, solange ekwa der
Mensch weiß, daß er stehlen möchke, aber aus Gründen der Sikiüchkeii,
denen er zustimmi, nicht stehlen dars, kommi es noch nichi zu jenem Zwiespalt,
rnn dessen Eniwirrung die Psychoanalyse bemühi ist. Der kriiische Momeni
iriii erst ein, wenn der verdrängie Trieb vollkommen in die Abgründe des Un-
bewußien hinabgestoßen, also wirklich verdrängi ist und nun aus seiner für das
Auge des Bewußiseins undurchdringlichen Nachk herauf das Jch zu beunruhi-
gcn beginnt; denn nun kenni der Mensch die Kräsie, die sich seinem scheinbar
allcin maßgebenden bewußken Wollen enigegenstemmen, uichi mehr, ja er wird
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