Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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eilrger auf den Trsch und rückte auch nicht die Stühle zurecht, wenn die Manns-
leute so schon im Umkreis waren, denn sie hörle es nichk. Für sie gab es nur
eine Zeik, die in ihr war; eine uralte ZeiL. Die sing früh an und brauchLe be-
reiLs keinen Schlaf. Weiß GoLL, wieviel mondklare Nächke an Lhrem kleinen
Kammerfenster sich schon emgerichLeL haLLen. Und sonst geschah nicht viel Anßer-
gewöhnliches. Es war da, was da war. Und ArbeiL war das meiste. Und
wenn man diese Menschen nichL beim hellen Tage gesehen häLLe, man häLLe
geglaubL, es seien alles lauker kleine, alLe Männer. Aber das war nur ihre
EinsilbigkeiL und WunderlichkeiL. Im übrigen verlor sich auch einer ab und
zu auf einen Tanzboden und anderswohin. Aber das war dann an einem
IuchheiLag, an dem das ganze Land sich drehLe: um Fastnachk nnd um ErnLezeiL;
da sragLe niemand danach, daß auch diese kamen, die man ganz vergessen haLte.
Und wenn sie wiedcr gingen, weil es ihnen da nicht gesallen haLLe, so sragte
auch keiner danach. Denn die Tänzerinnen sind ein GemeinguL (solange sich
nichL einer seine besondere ausgewählt haL und nichL mehr losläßL und miL
Wein und Braten bewirtet; damiL aber wartek ein jeder unbewußL bis in die
MachL hinein). Das Leben haL immer einen eignen Reiz so auf der Höhe des
Vergnügens, wo auch VeranLworLung und PslichL und Schnldigkeit und
Schuld nichL hinauszugelangen scheinen. Wo nur getanzk und gestampsL wird,
bald miL der einen und bald miL der anderen.

Wenn nun aber einer daraus verzichtet haL, dann ist das nicht so einsach zn
glauben. Da LanzL er dann irgendwo anders weiter, denkL man sich. Und
wenn er auch Vorliebe für eine alte, verschollene Bibel gewonnen häLLe und
sür ihre dargestellten Geheimnisse in Buchstaben und Bildern inncn und außen:
nun, so ist es eben diese Bibel, die er erkoren hat; und Lanzke er auch mit ihr
in den Himmel hinein. Denn so schwer das Leben ist, schwer miL dem Men-
schen und sciner Last, die er zu tragen hat hierhin und dorthin, und mit der kotig
schweren Erde, die ihm an den groben Schnhen hafkeL; wenn das Leben auch
schwer ist, aus eine unsichtbare Weise, aus eine geheime, ist es dennoch in einem
Tanmel. Dies Leben hat wahrhastig noch irgendwo eine Tanzbodenmusik, der
wir nur noch nicht ganz aus die Spur gekommen sind.

Es ist ein Tempo, das uns selig mit sich sortnimmL, meistens in der Liebe. Jn
der Liebe zu einer Person, oder zum Geld oder zu einer ArbeiL. Es kann auch
natürlich der Haß sein, die NiederLrachL. Das ist ganz gleich. Es kann auch
DummheiL sein und GedankenlosigkeiL, auch das ist ein Taumel. Aber immer-
hin ist es etwas, das uns gesaßL hak, das wir gesaßt haben, sichtbar und un-
sichtbar.

So ist es nichL zum Verwundern, daß sich einer von denen, die da in der
dunkler werdenden Stube saßcn, in seinem Wesen plöHlich abseits sand. Er
väkselte zunächst.

„Das konnte nicht sein", sagte er sich. Denn das Heiraken war eine Ange-
legenheik sür das ganze Leben. Man liebte eben diejenige, die man so recht aus-
gestakteL fand für das ganze Leben. Diejenige, die ganz alt und Laub das Lämp-
chen noch ausblies, wenn alles im Dunkel schon schlasen gegangen war. Man
liebke miL dem Ernste, miL dem man das und dies erwog im Leben: ob man ein
SLück Acker dazukausen sollke, ob das Haus wirklich ein neues Dach brauchke,
oder ob man's noch ein Iahr miL dem Flicken tak. Mik'ganz demselben Ernste

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