Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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führung. Aber hätte daö viele Geld,
das die Ausstatkung gekostet hat, ntcht
für ein wertvolleres Werk verwandt
tverden müssen? Haben der leitende
Operndirektor nnd der Generalinusikdirek-
tor wirklich nichts Besseres finden können?

Wilhelm Altmann

Urausführung ür Nt.-GIadbach

ie erste Les jungen, nach höchst be-
örohlichen Krisen durch dcn Jnten-
danten Panl Jlkedenwaldt nunmehr ge-
festigten und umsichtig geleiteten Stadk-
theaters M.-Gladbach überhanpt. Er-
wägt man die Begrenznngen des Etats,
die Enge der Konzertsaalbühne nnd wer-
tet man nach der künstlerischen Über-
zeugungskraft der Reproduktionstat, so
crfuhr Hcrmann Ungers Märchen-
oper Der Zanberhandschuh, Dich-
tung in zwei Aufzügen (drei Bildern)
von Gustav Halm - Köln, eine über-
ans eindrucksvolle Darstellung.

Am Dorkage seines vierzigsten Geburts-
tages gab die gehaltvolle Fülle des schon
zur allgemeinen Wertgültigkeit gereiften
Musikwerks Ungers mir die Berechti-
gnng, im letzten Band des Deutschen
Mllsikjahrbuchs (Essen 1926/27) des
Meisters erste Biographie darznlegen.
Reichtum und Gehalt seiner abs 0 ! u -
ten Musik (sinfonische und konzertante
Orchesterwerke, Chor- nnd Kammermu-
sik) gaben mir Gelegenheit zn einer über-
sichtlichen und positiv entscheidenden
Wertbestimmung. Die Untersuchung sei-
nes musik d r a m a t i s ch e n Werks
mußte der Zukunft freilich überlassen
werden. Nnr die Stationen des prakti-
schen Entwicklungsweges, der zn den
beiden ersten, schon als bevorstehende
Uraufführnngen angekündigten Opern,
„Der Zauberhandschuh" und die große
dramatische Legende „Richmondis von
Adncht" führte, konnten aufgezeigt wer-
den: eine unbekannte Frühoper „Die
Wiederkehr", Dramatisiernng einer alt-
italienischcn Novelle und ciner von de
Eoster, Melodramen und zahlreiche Büh-
nenmusiken. Die Berufung des heute
der Regcrschule als reife Persönlichkeit
entwachsenen Komponisten zum Musika-
lischen Theater erschien anch schon vor
der gegebenen Tatsache aus seiner star-
ken „sentimentalischen" Tempcraments-
anlage, ob seiner umfassenden Geistig-
keit, die in einem bekennerischen Schrift-
tnm auch zu dcn Entwicklungsmöglichkei-

ken der nachromantischen Opernform
wissend und individuell entscheidend Stel-
lung nimmt, gewiß. Weiterhin gab die
männlich kraftvolle Haltung, rhythmische
Frische, die leuchtkräftige und klangsinn-
liche Leidenschaft seiner absoluten Musik,
deren Ausdrucksmöglichkeiten sich weit-
spannend zeigten, schönste Vorausset-
zung für eine künftige Hinwendung zum
Dramatischen.

Gustav Halm erzählt schlicht fabulie-
rend, freili'ch ohne besondere Spannung,
auch auf EroS und PathoS verzichtlel-
stend, im Märchenton von einem über-
ängstlichen Schneiderlein, dem der Mut
zu widersprechen auch nach einigen Fin-
gerhüten guten Weines noch mangelt,
der dann von einem gütigen Zauberer
einen Handschuh bekommt. Und der enthält
allerlei wildes Getier, das nach Meister
Zwirns Willen bereit ist, ihm zu helfen.
Mut gibt ihm diese schöne Gewißheit
darum noch lange nicht: bei der ersten
Gelegenheit ruft er verzweifelt alle zu-
gleich: Hund, Wolf, Löwe und Schlange;
und während er selbst furchtsam ent-
fleucht, handeln diese nach dem Recht
des Stärkeren: sie fressen sich gegenseitig
auf. Dem Schneiderlein wärc es durch die
inquisitorisch aufgelegte Volksmenge übel
ergangen, hätte ihn nicht sein guter Geist
nach Zaubererark kurzweg in sein Mär-
chenreich entführt.

Dieses klar umrissene, einfache, lustige und
bildfrohe Volkstheater erhält durch die, in
ihrer rein musikalischen Substanz wie-
der hochwertige, auch beachtlich drama-
tisch akzentuierte Musik Ungers mehr
als reizoolle Einkletdung: warmes Le-
ben, Witz und dramatische Akti'vität.
Volkstümlich ist bei aller Meisterschaft
auch die Musik; doch ist ihre Einfach-
heit wissender, erworbener, fähig, den
„doppelken Boden der Dinge" überlege-
ner zu deuten; sie ist freiwilliger, be-
wußter und auS großen Horizonten ge-
schaut, wertvoller, keicht ins Groteske
spielend, dramatischer. Eine stärkere Kon-
zentration der Tanzszenen zngunsten des
Dramas, die in nnmerklicher, unwesent-
licher Retusche leicht nachzutragen ist,
wird die Frucht dieser ersten Erfahrung
sein. Dem von seiner musikdramatischen
Sendung überzeugenden Erstling Ungers
begegnete ein erwartungsvolles Jnter-
esse zahlreich erschienener Fachleute, die
sich nicht enttänscht sahen.

Walter Berten
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