Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Zu unseren Bildern und N^oLen

er Sinn für das Landschaftliche lft
etwas durchauS Nordisches; der Süd-
länder wandelt als typifcher Großftädter
lleber auf den Korsos und Plätzen, in-
mltten bewegten Volkes, als daß er sich
im Freien ergeht und mit der Natur
Zwiesprache hält. Während unter Dü-
rer die Landfchaft fchon viel Selbftändig-
keit gewinnt, ift sie in der italienifchen
Hochrenaissance nur ein klangvoller Hin-
tergrund deS Figürlichen. Die Nieder-
länder hatten schon im frühen iZ. Jahr-
hundert ein lebendiges Jnteresse für die
Natur und sic vor allem unter dem Ein-
druck von Licht und Farbe gefchildert.
fsm 17. Jahrhundert haben dann die
Holländer, im Gegensatz zur fürftlich-
kirchlichen Kultur und Kunft der Flamen,
das Bürgerlich-Weltliche gepflegt und
hieraus eigene Bildgattungen entwickelt:
das Sittenbild, Stilleben, Tierftück
und die Landfchaft. Anf jedem dieser
Gebiete fchufen große Meifter Vor-
bildliches. Der in gewissem Sinn größte
Landfchafter des alten Holland ift I a -
kob van Ruysdael (1628/29 bis
1682). Er hat nicht das Beftechende der
übrigen Künftler seiner 2lrt: nicht dcn
leuchtenden Luftfchimmer des Cuyp, nicht
die Kraft des Hobbema, nicht die geift-
reiche Jmpressioniftik des Goyen, nicht
die heiteren Farben nnd die lebendige
Staffage des A. van de Velde, nicht das
Elementarifche Rembrandts, aber er ver-
fügt über die reichfte Vielseitigkeit und
ift neben Rembrandt der geiftig Bedeu-
tendfte im Gehalt, voll Gefchmack und
Überlegnng, wesentlich einfach bei aller
Fülle des Einzelncn, Licht und Farbe in
den Dienft des Geiftigen ftellend, hierin
ruhig und gelassen in oft fchwermütiger
Stlmmnng. Jakob van Rnysdael ift so
sehr reiner Landfchafter, daß er seine
Stasfagen von cmderen malen läßt, aber
auch ein solcher Kenner nnd meifter-
hafter Geftalter der Natnr, daß er in
seinen — mit AuSnahme der Frühzeit
— durchweg komponierten Landfchaften
den Eindruck des Wirklichen erreicht.
All das zeigt unser Bild, eines seiner
berühmteftcn Werke und einc Perle der
Dresdener Galerie.

Wir sehen das Werk Ruysdaels, wie
alle Kunft, bewußter und mehr auf seine

tatsächlichen Formelemente als auf ihre
phantasiemäßige 2luswirkung an; wo-
bei wir ihm vielleicht das Letzte schuldig
bleiben, das die unmittelbare Hingabe
manchmal tiefer erfchließt. So mag Goe-
thes Deutung als die dichterifche Ergän-
zung und Steigernng nnseres Versuches
genommen werden.

Man beachte zunächft, wie Ruysdael als
Meifler des Lichtes drei verfchiedene
Grade des Halbdnnkels verwendet und
hieraus die ganze Stimmung erftehen
läßt: fcharfe Gegensätze im Vordergrund,
leicht verhüllt im Mittelgrnnd, voller nnd
fchwerer im Hintergrnnd, der im Ton
mit dem Vordergrund zusammenfchwingt
— im Ganzen ein Kontraft von Licht
und Schatten als Grundakkord der Kom-
position und ihrer geiftigen Bedeutung.
Die Grabfteine tauchen wie fchreckens-
fahl aus dem Dunkel auf, fchwarze mit
weißen wechselnd. Todesftimmung liegt
aber auch über dem erftorbenen Baume
rechts, der wie im letzten Kampf sich
verspreizend hilflos in die Leere greift.
Um ihn geborftene Strünke und verdorr-
teS Geäftc, der Boden von verwilder-
tem Wuchs überwuchert, zerbissen, zer-
fchlissen vom ungebärdigen Bach, dessen
überlaukes Gefälle die Stille dieser Ein-
samkeit faft unheimlich werden läßk; es
umwittert uns wie Weltuntergang. Be-
deutsam hiefür die Schwere der Grab-
mäler und ihr berechneter Wechsel von
Hell und Dunkel wie ihre massige Block-
form — wie ein brüchiger Wall, dessen
letzte Duadern heldenhaft unerfchütter-
lich das Endfchicksal abwarten. Leben
und Tod ineinander verfchlungen, wird
der Vordergrund ein vertieftes Sinnbild
des Vergehens und seiner Wehmut. Den-
selben Gedanken wiederholt die Komposi-
tion im Mittclgrnnd; nur verhaltencr,
wie ein Begleitakkord. Auch hier das Jn-
einander von Hell und Dunkel, aber ge-
dämpfter. Der Reichtum des Einzelnen
ift nicht geringer. Die gotifche Kirchen-
ruine ift der architektonifche und Stim-
mungs-Fortklang, der hier in die umge-
bende Natur kampflos übergeht — abcr
auS Lem Hintergrund fteigt ein mächtig
unheimliches Gewitter auf, vor dem der
Regenbogen wie entsetzt zur Seite springt:
Ahnung und Erfüllrmg verbinden sich

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