Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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immer das Umhegke mit dem Unend-
lichen der Naknr verknüpfend.

Hler erleben wir dle Nakur nnd lhren
Ranm ganz anders als bel Ruysdael:
bei dlesem schelnt der Ranm zerstückelt,
das Gegenständllche bedrängk nnd ver-
wlrrk selnen Eindruck, das barocke Jn-
emander stellt m seiner Übersülle an
unsere Augen allzu hohe Ansorderungen.
Erst allmählich gelingt es uns, das We-
sentliche vom Untergeordneten zu scheiden
und so das Ganze nnd seine Teile in
der richtigen Beziehung zu erleben —
wenn wir von einem Bild Cezannes
herkommcn. Damit ist dessen vereinsachte
Art ohne weiteres klar; diese Bereinsa-
chung und zngleich ihre Jntensität, diese
Berbindung verhaltener Krast im Ans-
bau mit der schönen Zierhastigkeit des
Vegetativen wirkt wie eine Neuschöp-
sung. Wir erkennen hieraus, wie sehr
die Kunst gewinnt, wenn sie sich über
die Natur erhebt, ohne sie zn vergewal-
tigen. Wem Nuysdael lieber ist als
Cezanne, der dars doch nie die gei-
stige und sormale Leistung in dessen
Werk übersehen, wie wir hieraus erkcn-
nen, daß auch nach einem Nuysdael
noch eine andere hohe Meisterschast im
Landschastlichen möglich und wirklich ge-
worden.

Adalbert Holzer, ein Münchener
Künstler, vertritt eine dritte Art von
Landschaft: die mvglichst nnmittelbare
Wiedergabe eines Natnreindruckes, srisch
und stark gepackt, wesentlich aus Farbeund
sarbige Form gestellt. Jn nobler Breite
lagert sich das Pyramidenpaar dieser
Berge, beinahe schwnnghaft verbunden
durch das schaukelige Gesälle der Hinter-
grundgruppe. AlleS gecinigt durch den
tiesen, satten Schnee und das funkelnde
Blau des lichten Himmels, mit ei'nem
prächtigen Mantel geschmückt, den das
Braun der Wälder wie kostbareö Pelz-

werk verbrämt. Das in sich vereinsachte
Gelände deS VordergrundeS gibt in sei-
nem starken Absall der Berggrnppe erst
die letzte selbstsichere Ruhe und Macht.
Die paar Häuser, aus denen die Dorf-
kirche sich aufgipselt, bringt in den vol-
len Akkord dieser mächtigen Natur einen
idyllischen Klang, wie eine liebenswür-
dige Einladung: Was ist es Herrliches,
Köstlicheü um einen „Bergwinter"!

hilippine Schick, die dem Kunstwart
zum ersten Abdrnck ein anmntiges Kla-
vierstück überlassen hat, gehört zu den
hossnungsvollsten unserer Tonseherinnen,
ist aber auch als Klavierspielerin sehr ge-
schätzt. Geboren am g. Februar i8gz in
Bonn, lebt sie seit Jahren in München.
Hier hat sie ihre mnsikalische Ausbildung
erhalten, im Klavierspiel bei Hermann
Ziicher und Anton Schmid-Lindner, in der
Komposition bei Friedrich Klose und H.
W. von Waltershausen, der besonders
viel von ihr hält. Ein KompositionSabend,
den sie kürzlich in München gegeben hat,
hat ihrem Schassen große Beachtung ein-
gebracht; weniger war eS ihre Sonate
sür Klavier und Violine op. i/s, die sie
zusammen mit Felix Berber vortrng, als
ihre Lieder, die mächtig einschlugen. Mit
Liedern hat sie überhanpt bisher ihre
größten Ersolge errungen; sie sind immer
reich an schönen, ja bedeutenden Momen-
ten und lassen stets erkennen, daß sie die
Dichterworte ties erfaßt, ja mit Jnbrunst
und echter Leidenschaft miterlebt. Unge-
mein stimmungsvoll sind vor allem ihre
auch anßerhalb Münchens schon sehr zur
Geltung gekommenen „Lieder der Sehn-
sucht" op. 12. Bedentet so manches ihrer
Werke auch erst nur ein Versprechen, so
dürste die Ersüllung, der Weg zur reisen
Künstlerschast, nicht allzusern mehr sein.

W.A.

'L>erlag von Georg D. W. Callweu... Druck von Kastner L Callwey in Ntünchen. — Berancworl.ich :
Dr. Herrnann Ninn, München. In Österreich verantwortlich: Paul Sonnenfeld, Wien I, Fleischrnarkt 18. —
Geschäftostelle für Berlin: Georg Siernens, >V 57, Kurfürstenstraste 8; Geschäftostelle für Wien:

Panl Sonnenfeld, j, Fleischmarkt 18.

Sendnngen für den Te.rt nur nach vorberiger Dereinbarung, da sonst keine Derantwortnng übernommen werden
kann, an den Kunstwart-Derlag Georg D. W. Callwey in München ^VV 12, Finkenstrafte 2.
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