Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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freizugeben, sondern sie zugunsten der Geistespflege mit elner geringfügigen Abgnbe,
eineni „Peters-Pfennig der Literatur" zu belasten. Er sagt: „Jch finde es verfehlt,
daß gelstiges Erbe überhaupt je ganz frel wird, denn gerade dadurch lvird die Absichi
vereitelt, es der Menschheit vollkonnnen sinngemäß nntzbar zu machen." Keyserling
erbat die öffentliche Erörterung seines Vorschlages, um „die erforderliche Bewegung
im großen einzuleiten".

Wir werden irn folgenden den Gedankengang und die Begründung dieses Vorschlages
näher kennen lernen. Vorerst möchte ich feststellen, daß die erhoffte große Bewegung
bis heute, ein halbes Jahr nach der Verösfentlichung, nicht eingetreten, ja daß die
Teilnahme an der angeregten Besprechung der Frage, soweit ich die öffentliche Mei-
nung verfolgen konnte, ziemlich lan geblieben ist. Was mich am meisten erstaunen
ließ, war die Tatsache, daß kaum einer der Teilnehmer den Grafen an die recht statt-
liche Bewegung erinnerte, die Ferdinand AvenariuS vor noch nicht dreißig Jahren
zugnnsten des nämlichen Gedankens ins Leben rief. Er verlangte damals die Errichtung
einer „Goethestiftung", gespeist aus Beiträgen des Staates nnd aus Abgaben der
Nutznießer deö freiwerdenden poetischen Schrifttums. Die Mittel der Stiftung sollten
znr Förderung und wirtschaftlichen Sichernng schöpferischer Begabungen dienen.
Die Stiftung sollte später zu einem „Urheberschatz" nicht nur für die Dichtung, sondern
für alle fchöpferische Tätigkeit im Gebiet der Wissenfchaften und Künste ausgebant
werden. AvenariuS faßte seinen Vorschlag in einer Petition zusammen, die sofort
die Zustimmung eines großen Kreises führender Männer fand und im Sommer igoo,
gestützt auf tansend Unterschriften, an den Deutschen Reichstag geleitet wurde. Sie
teilte das Schicksal der meisten Petitionen, sie fiel unter den Tifch des hohen Hauses
— ob m i t Sang und Klang oder ohne ihn, ist mir nicht mehr erinnerlich.

Jch wiederhole: es ist erstaunlich, daß dieser großgedachte Plan, eine „Volkswirt-
schaft unserer Geisteügüter" zu orgam'sieren, hcute so vollkommen vergessen zu sein
scheink. Wie ist das zu erklären? Noch wirken von den damaligen Petenten so manche
im ösfentlichen Leben mit, aber kaum einer sieht sich genötigt, ösfentlich Zeugniö ab-
zulegen für die Priorität einer Jdee. Jst sie denn so ganz belanglos, auch wenn ihr
damals der Schritt zur Verwirklichung noch nicht gelang?

*

Jn Weimar, nnter dem Eindruck der geistigen Hinterlassenschaft Goethes und Nietz-
sches, ist es Graf Keyserling klar geworden, daß dieses Erbe gefährdet sei, wenn es
nicht gelinge, eine von änßeren Zufällen und Eingriffen möglichst unabhängige wirt-
schaftliche Grundlage für seine Pflege zn gewinnen. Das klassische Weimar, auS der
Zeitlichkeit in die Ewigkeit aufgesticgen, ein zweites Athen, werde sicher bald zu den
besuchtesten Pilgerstätten der Erde gehörcn. Der Staat, der ja zur Erhaltung einiges
beitrage, werde mehr und mehr zum Ausdrnck „des sozialistischen Gedankens im
Sinn der Massenwohlfahrt werden". Der Sorge für das rein Qualitative werde er
sich zwangsläufig entfchlagen müssen, und deshalb sei für öieses, sofern es fort-
bestehen will, die Unabhängigkeit vom Staate, die Eristenz aus eigenem Recht not-
wendig.

Jn dicser unabhängigen Lage ist wohl das GoethehauS, das sich aus eigenen Mitteln
knapp erhält, nicht aber das Goethe-Erbe — „wohl das reichsle Geisteserbe der
Menschheit". Keyserling versteht hierunter weniger die antiquarischen Schätze des
Goethe-Schiller-Archivs, die ja einigermaßen sicher sind, sondern vielmehr das, was
aus dem gesammelten Werke des Dichters spricht und in alle Zukunft sprechen soll:
öen Goethcfchen Geist. „Das gcistige Weimar müßte von sich aus über ein Mil-
lionenbudget verfügen. Dann erst könnte das Erbe seiner Großen so fruchtbar wer-
den, wie es, ideell beurteilt, werden kann. Dann erst könnte es fortwachsen, fort-
zeugen. Nun wirö man einwerfen: aber es fehlt eben an dem Gelde..."

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