Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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es gleilh vorweg zu nehmen — di'e Wrr-
knng war schlechthin überwältigend. All
diese Organa, Balladen und Motetten
deö Perotinns nnd Machaut, des Johan-
nes de Florentia und Dunstable erklan-
gen in diesern Raum mit solcher Selbst-
verständlichkeit, als wären hier niemals
andre Töne gehört worden. DaS Kon-
zert bedeutete keineswegS eine Konzession
an historische oder antiquarische Jnter-
essen, sondern die Wiedereinsetzung eines
durch die Macht der Zeit und der Ver-
hältnisse entthronten Herrschers in seine
ursprünglichen Rechte. Die Frucht dieser
Aussührung war die überraschende Er-
kenntnis, daß es genügt, die Musik des
Mittelalters im Sinne ihrer Entstehungs-
zeit zu interpretieren, um aus jeden sür
die Tonkunst Empsänglichen stärkste Wir-
kung auszuüben. Hiezu ist es allerdings
notwendig, daß die Stücke im Geiste ihrer
Schöpser instrumentiert werden. Dies er-
weist sich zunächst als ziemlich schwierig,
da öas Mittelalter eigentliche Besetzungs-
vorschristen in der Regel nicht kennt. Eine
beharrliche Tradition aus der einen Seite
und der unbedenkliche Gebrauch jeweils
vorhandener Mittel andrerseits regelten
das Problem der Jnstrumentation. Das
Selbstverständliche, in diesem Falle der
Gebrauch der verschiedensten Tonwerk-
zeuge neben der menschlichen Stimme,
wurde in den Noten nicht ausdrücklich
vermerkt. Hiedurch wurde man srüher
zu dem Trugschluß verleitet, daß Stücke
mit unterlegtem Text und ohne Jnstru-
mentati'onsbezeichnungen s, cspells, somit
nur von Singstimmen auszusühren wä-
ren. Dieser Methode aber haben sich die
Denkmäler mittelalterlicher Musik be-
harrlich versagt. Die nach dem Prinzip
der selbständigen Führung aller Stim-
men gearbeiteten Kompositionen der Go-
tik verloren durch die gleichmäßige vo-
kale Färbung aller Stimmen jede Wiv-
kung. Als man sich jedoch in letzterZeit
allmählich dazu entschloß, sie, dem Zeug-
nis unzähliger bildlicher Darstellungen
solgend, kurzerhand mit Zups- und
Strei'chinstrumenten, Schalmeien, Trom-
peten, Posaunen, Glockenspielen, Pauken
und Becken möglichst bunt zu besetzen, er-
schloß sich aus einmal eine neue Welt bis-
her völlig ungeahnter musikalischer Wun-
der. Wenn nicht alle Anzeichen trügen,
so stehen wir heute an der Schwelle einer
Renaissance der mittelalterli'chen Ton-
kunst. Das Konzert, zu dessen Gelingen

vor allem der Bearbeiter und Dirigent,
R. Ficker (Jnnsbruck) beigetragen hat,
bedeutet aus dem Wege zu dieser Wieder-
erweckung der gotischen Musik einen wich-
tigen Schritt.

Es ist hier leider nicht möglich, noch aus
all die weiteren Darbietungen der Beet-
hovenseier näher einzugehen. Erwähnt sei
unter dem Wichtigsten vor allem daS
überaus interessante Konzert mit Werken
der Vorgänger und Lehrer Beethovens,
in dessen Mittelpunkt die Jnterpretation
des Cellokonzertes von Georg Mathias
Monn (1717—Zv) durch Pablo Casals
stand, die Erstaussührung der im Archiv
der Firma Breitkops und Härtel kürzlich
neu entdeckten, knapperen und dramati-
scheren Fassung der II. Leonoren-Ouver-
ture durch Felix Weingartner und die
Wiener Philharmoniker, öie Aussührung
des TrioS sür Flöte, Fagott und Klavier,
einer Schöpfung des etwa iZjährigen
Beethovens, und endlich der Sonaten- und
Trioabend Casals, Friedman, Huber-
mann.

Den würdigen Abschluß der Feier bildete
die „Fidelio"-Aussührung der Staats-
oper.

Fast noch eindrucksvoller als die Bekrö-
nung des rnusikalischen Teiles war die
Kundgebung sür Zusammenarbeit, die
von den wissenschastlichen Führern aller
Länder in der Schlußsitzung des Kongres-
ses veranstaltet wurde.

Karl Geiringer

Uraussühruiigen iu Köln

-^v»em Künstler ist es vor den andern ge-
c<--'geben, schneller und intuitiv tiefer zu
schauen, schon von seiner Zeit und über
sie zu sprechen, wenn die Allgemeinheit
ihr Wesentliches noch nicht gesehen, be-
grissen, ersaßt hat. Jst also das Kunst-
werk der seinste Seismograph der Zeit
und ihrer Geistigkcit, so dürsen wir allein
nach der Renaissance der geistlichen Mu-
sik schließen, daß in dieser Gärung, trotz
Jazz, Revue, übertriebener Psychoana-
lyse, Spiritlsmlls und Sport, die Hin-
wendung zum Religiösen, zum Sinnsu-
chen im Metaphysischen in unseren Be-
sten lebt. Neben Jos. Haas, Kaminski,
Honegger, Windspcrger, Klemperer trat
so Walter Braunsels schon srüher
mit seinem Te Deum hervor. Eine un-
gemein geistvolle und blutwarme Führer-
persönlichkeil, die im Schassen janusköp-

IZO
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