Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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F r i H S t a h l, W e g z u r K u n st. Ein-
führung in Kunst und Kunstgeschichte
(Rud. Mosse, Buchverlag, Berlin). End-
lich ei'nmal eine Kunstgeschichte in großen
Zügen — von den Agyptern bis zum
Ende des 16. Jahrhunderts — von einem
kenntnisrei'chen, selbständigen und kunst-
si'nm'gen Mann, der auch geschmackvoll
zu schreiben weiß. Eine vortresfli'che Ein-
leitung führt an bekaunten Werken tn
die Probleme künstlerischer Gestaltung ein
und bietet dadurch für die geschichkliche
Überschau ei'ne Ei'nstellung auf das We-
senhafte: die Kunst, nicht deren Geschichte.
Schade, daß mancher gewichti'ge Punkt
hier unerörtert bleibt und im Allgemei-
nen zuviel vorausgeseHt wi'rd. Wer ernste
Arbeit für seine Erziehung zur bildenden
Kunst lei'sten will, dem können wir
dleses Buch angelegentli'ch empfehlen.
Richard Langer, Totenmas-
ken, nu't Einleitung von Hans W.
Gruhle, mit 67 Lichtdrucktafeln (Georg
Thieme, Leipzig). Könige, Päpste, Dich-
ter, Musiker, Gelehrte, Schauspieler be-
gegnen uns hier im leHten Gesichk. Jr-
gendein System in der AuSwahl ist nicht
gewollt. Man gab dem Jnkeresse am
Menschcn und ausdrucksreichen Kopfe
nach. Di'e kluge Einleitung von Gruhle
bietek wohlübcrlegtc physiognonu'sche und
psychologische Auffchlüsse über den Wert
der Totenmasken, sowie Gesichtspunkte
für i'hre Betrachtung. Darnach ist deren
Wert für die WesenSerkenntnis des Be-
treffenden manchmal recht beschränkt;
immer aber sind sie als leHte Außerungen
eines bedeutendcn Menschen allgemein
menschlich lrgendwle bedeuksam. Die Mi-
mik ist ja auch i'm Tode noch wirksam,
aber ob und wieweit sie mit seinem See-
lischen noch zusammenhing, ist meist un-
ergründlich. Außerdem ist alle Mimik in
ihrer individuellen Auswirkung problema-
tisch, gilt mehr für das Typische. Be-
denkt man ferner dic Veränderungen lan-
ger Krankheit oder, daß dem Tode sonst-
wie schon Erschlasfung, Erschöpfung u.
a. vorausgegangen, all die Schwierigkei-
ten bei der Äbnahme der Maske und die
Wahl deö Zeitpunktes nach dem Tode, so
wird immer ihr problemhafter Charakter
osfenbar. Trotz alledem sind sie Ange-
denken ehrwürdiger, crgreifender, vertie-
fender Art. Mik großem Geschick, edlem
Geschmack und einfühlendster Erwägung
sind diese Aufnahmen von Frau Langer
gemacht. Besonders wertvoll ist, daß alle

Totenmasken im gleichen Maßstab pho-
tographiert sind, so daß die verfchiedenen
Bildgrößen auch den verschiedenen wirk-
lichen Kopfgrößen entsprechen. Die Re-
produktionen sind mustergültig, die Auf-
machung ist wahrhaft vornehm, das
Ganze ein ideales „Bilderbuch" großer
und berühmter Menschen, im Hauche des
Ewigcn — rührend, nicht selten erschüt-
ternd, immer aber nachdenklich, versen-
kerisch wirkend. I 0 s. P 0 pp

rnst Benkard, Das ewige Ant-
litz, Eine Sammlung von Totenmas-
ken, mit einem Geleitwort von Gevrg
Kolbe (Frankfurter Verlagsanstalt,Ber-
lin). Dieses Buch erfüllt mit der Wieder-
gabe von etwa hundert Tokenmasken aus
sechs Jahrhunderten manchen lange ge-
hegten Wunsch nach einer Sammlung von
Menschengefichtern. Und es sind unter die-
sen die herrlichsten und unvergeßlichsten:
Pascal, Lessing, Friedrich, Schiller, Luise,
Scharnhorst, Moreau, Napoleon, Beet-
hoven, Puschkin, Brentano, Lenau, Stif-
ter, Marees, Moltke, NieHsche, Hugo
Wolf, Kainz, Reger, Wedekind, um nur
einige zu nennen und dem Leser Lust auf
das Ganze zu machen. Freilich nehmen
sich das Vorwort und der erläuternde An-
hang aus der Feder Ernst Benkards zu-
weilen etwas wunderlich aus. Was er
über die Geschichte der Totenmaske und
der sogenannten mitteilt, ist die

gründli'che und kluge Arbeit eines Ken-
ners, und hier gibt er sich, als der erste,
der dieses schwer zugängliche Gebiet dem
Zugrisf der exakten Forschung eröffnet,
von der glücklichsten Seite. Unglücklich
und unpassend muß man aber den schlecht-
verhüllten Versuch nennen, im Schatten
der Großen, die er beschwört, ein wenig
aktuelle Polikik zu dozieren. War einer
der Verklärten just Republikaner und
Demokrak, so wird das gewissermaßen
mit erhobenem Zeigefinger verkündet,
wozu in diesem Ehrensaal denn doch nicht
der Ort sein sollte. Denn vor diesen Ge-
sichtern sind Demokratie oder Monarchie,
Aufklärung oder orthodoxe Gläubigkeit
oder was sonst für Skreitfragen irgend-
welcher Zeitgenössigkeit keine Begrisfe
mehr. Diese alle haben gekämpft und
haben bezahlt und ihr Adel schreibt sich,
wie noch jeder echte, nicht aus dem Was
her, sondern aus dem Wie. Und so hät-
ten wir uns denn, da der Nation zum
ersten Male eine solche Sammlung vor-

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