Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Auch Alexauders Bruder, Wilhelm von Humboldk, hak sich gelegenklieh der
genaueren Bekrachkuug von Landschafksräumen zugewendek, aber mik anderen
Absichken und Ergebnissen. Solange ihn dabei die physiognomischen Züge von
Gegenden beschäfkigken (er dachke nie wie Alexander an wirkliche Synkhesen),
hielk er sich selbsi zurück und zeichneke sparsam, aber durchaus das Bedeukende
kresfend; doch ward meisi bald seine empfindliche Einbildungskrafk und sein
kieferes Nachdenken angeregk, und erst, wo diese Elemenke in seinen wenigen
Beschreibungen hervorkreken, scheink ihm eine Landschafk (so der Einsiedlerberg
Monserrak bei Barcclona, so der Meerbusen von Sk. Jean de Luz) zum
Erlebnis geworden. Borzüglich isi es der nngeheure Widersireik von ruhenden
und bewegken Massen, der ihn anspannk, ja enkseHk, — er verweilk bei dem
Schauspiel des wider die nackken Pyrenäen ansiürmenden Ozeans nur erbe-
bend, und schauderk vor der verschwindenden Ohnmachk des Menschen gegen
diese Mächke, aber noch hier suchk er das wirkende GeseH, das Schicksal, ja
die Harmonie. Und ferner will es uns nicht als eine bloße Höflichkeik des
Herzens vorkommen, wenn er in einem dieser Briefe an seine Frau, von milderen
Eindrücken ergrisfen, mik liebender Zarkheik cmssprichk, daß es „schlechkerdings
kein menschliches Wesen gibk, an das der Gedanke sich so leichk, so freiwillig,
so rein und voll an den Anblick der Nakur anschließk"; es erweisi seine immer
vom Skoffe zum Geisi gelangende und die geisiige Erfahrung mik dem Menschen
verknüpsende Humanikäk in ihrer sublimsien Form. Alexanders eigenkliche
Nmchfahren aber waren als wissenschafkliche Dnrchquerer Südamerikas Mar-
kius, Poeppig und der Prinz zu Neuwied, die sich jedoch in der Haupksache nnr
die bokanische und zoologische Erforschung dieses Erdraums zur Anfgabe ge-
niachk habcn. Man würde ihnen, nnd vor allem Carl Friedrich Philipp von
Markius, unrechk Lun, übersähe man die lebensvolle Hunst ihrer reichen Land-
schafksschilderungen. Bis zu der einsamen Höhe der Anden hinauf haben sie
die kropische lllakur beschrieben; merkwürdige Szenen, unker diesen eine Books-
sahrk durch eine überschwemmke und verhangene Urwaldregion, prägen sich un-
auslöschlich ein. Zwar wagk ein Tagebuchblakk von Markius auch den Ver-
such eines Gesamkbildes, wie sie sein erlauchkcr Meisier gegeben hakke, und
läßk von Morgens bis nichk ganz Mikkernachks, immerhin von cinem geisier-
hafk feierlichen Mondunkergang bis zu einem feierlich geisierhafken Mondauf-
gang das mannigfache Leben im brasilianischcn Urwald dem Auge erscheinen;
doch dünkk uns dic Emphase, mik dcr er das farbenstrotzende Porkräk hinzau-
berk, nichk ganz rein und wahrhafkig. Es bleibk übrig, der Gestalk Leopold von
Buchs kurz zu gedenkcn, der die Fachwissenschaft der Geologie auf cine neue
kheorekische Basis gesiellk hak; unter seinen Händen bauen sich die Gesteinarken,
die er ersorschke, in der Landschafk wieder zu dichken und düsteren Massen auf.
Wir haben mik diesen reisenden Gelehrken, deren es selbsiversiändlich sehr viel
mchr gewesen sind (so verdienken auch Heinrich Lichkensieins schöne südafrika-
nischc Ansichken hervorgehoben zu werden), Deukschland noch in seiner senki-
menkalischen Epoche verlassen. Die leichkcn galanken Gefühle, die von gepuder-
ken Schäfern und zarkbusigen Schäferinnen in die vom „scherzenden Wesi"
umspielkcn rechk gleicharkigen llcakurkheaker hinausgekragen worden, hakke dork
eine Springflnk heißcrcn und menschlicheren Empfindens ganz verschlnngen;
aber auch diese stürmisch drangvolle Seelenexpansion war, nachdem sie im
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