Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Späker wandelke sich der Bcgrifssgehalk ins allgemeiner Vorbereilende; anch
heuke noch nennL man in manchen Gegenden die ElemenLarschule: Trivialschnle; an
einer solchen war AnLon Bruckner ossiziell einmal als Lehrer angestellL.

Trivial wäre also zunächsL eben das, was jeder begreisL irnd kann, was allcn
zu Geboke siehL und somik billig zu haben isi. Jn der Musik müßke man, dieser
Begrisssbestimmung nach, alle die SelbstvcrständlichkeiLen, alle bequem zu hand-
habenden KunstmiLkel dahin rechnen; so z. B. in der Harmonik vor allem die
Kadenz und Sequenz, des weiLeren etwa auch die gebräuchlicheren Trugschlüsse,
somik selbst solche Dinge, die einmal, als sie erfunden wurden, Ausnahmen,
ja richkige Finessen waren, die aber durch Überlieferung und breike Nachahmung
TrivialiLäLen wurden.

Hier sioßen wir schon auf eine wesentliche und nicht gerade leichte Frage, näm-
lich: kann etwas Lrivial werden, was es ursprünglich nicht ist; gibt es Triviali-
LäLen, die schon von Nakur und von Ansang an solche sind? ist TrivialiLäk
mehr ein historischer als ein ästhekischer Begrisf?

Sprechen wir nun heuke von TrivialitäL der Gedanken in einer Rede oder einem
Schriftwerk, so haben wir durchaus einen Tadel damit im Sinn; desgleichen,
wenn wir dies gegenüber einem Werk der Tonknnst Lun. Das heißt: wir über-
schreiten die Grenzen der oben gegebenen Bestimmung dieses Begrisfs, und zwar
indem wir in das GebieL der Wertung, der ästheLischen, und sogar der ästhetisch-
moralischen WerLung übergehen.

Ehe wir dies weiterversolgen, wollen wir uns vorerst bei der TaLsache aufhalten,
daß man Werken der bildenden Kunst gegenüber so gnt wie niemals von Tri-
vialikäL sprechen hört; ich selbst erinnere mich überhaupt keiues einzigen Falles,
wo ich diesem Ausdruck in einer KriLik, sei es einer schriftlichen oder mündlichen,
in HinsichL auf bildende Kunst begegnet wäre. Daraus könnte man schließen,
daß hjer weniger Anlaß vorlag, ihn anznwenden; oder auch, daß man hier
weniger empsindlich war. Dagegen spricht man bei dcr Malerei (so viel ich
weiß, seit einigen Iahrzehnken) von „KiLsch", welcher Ausdruck sogar vielleichL
eigens sür die Malerei, und zwar nichL von den BerufskriLikern, sondern von
den Malern selbst erfunden wurde und sich dann auch für andere Gebiete ein-
gebürgerL haL. Etwas „verkitschen" bedeuLeL ursprünglich: etwas verkausen.
KiLsch ist, was für den Berkauf hergestellt wurde, und zwar so, daß es leichL an
den Mann zu bringen ist; der KiLsch kommL also vor allem einem herrschenden
Geschmack entgegen; oder cr dienL einem Geschmack, der zwar noch nichL herrschL,
aber im Anzug ist und vorausgefühlL wird; im leHLeren Fall könnLe man eigenk-
lich von genialem KiLsch reden. Aber will man auch diese ZusammenseHung
abweisen, aus keinen Fall dürste man den Kitsch-Maler an sich schon der
Talentlosigkeik zeihen. WchL um Begabung, sondern um Haltung geht es hier.
Das nun, was man in der Musik trivial nennL, ist zwar kaum ganz dasselbe,
aber doch wohl etwas Verwandtes, denn auch hier handelL es sich um gewisse
leicht eingängliche, sowohl bequem zu sindende als auch bequem aufzufassende
Wendungen. llnd zwar müssen diese schon innerhalb des GebieLs der künstle-
rischen Gestaltung liegen. Näemand wird eine normale und ob ihrer NmLür-
lichkeit allgemein gebräuchliche harmonische Formel wie die Kadenz und die
Sequenz Lrivial neimen, wohl aber gewisse zugleich billige und ein wenig
schmeichelnde melodische Wendungen; in der Harmonik, der NaLnr der Musik,
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