Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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scheint mir Trivlalikät überhaupk ersl da möglich, wo man sich an der Ilnschuld
dieser N'aLur nichL mehr Genüge LuL und eine gewisse ArL von bald verblühen-
den Finessen suchL. Zum Beispiel das Folgende:









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Ich weiß noch rechk guk, wo und wie ich das oder ekwas Ähnliches zum ersten
Mal hörke. Es war in einem Garken-Konzerk, das ich mik einem befreundeken
Klassengenossen als GymnasiasL besuchke. Jn Schwäbisch Hall. Mein EnL-
zücken war groß, und das Skück, in dem diese Skelle vorkam, war sicher eines
der kläglichsien Erzeugnisse der SenLimenkaliLäL nnd künstlerisch Lies stehender
Gesinnung. Jch weiß auch noch den Tikel; es hieß: „Du bist so schön!"
(woraus ja schon alles hervorgehk). Mein reiserer und besser versierker Frennd
belehrke mich anch sogleich über die gänzliche WerklosigkeiL dieses SLücks, nnd
er haLLe wenig Mühe damik, da ich sie vollkommen einsah und auch schon selbst
gerochen haLLe; aber dieser mir neue VorhalL haLLe mir es nun eben angekan.
Jn einer UnLersnchung über die ParallelitäL nannke ich einmal den Ansang
der Arie in der Zauberslöke: „Dies Bildnis ist bezaubernd schön" vollkommen
krivial. Es ist klar, daß ich damik eine andere ArL von Gesinnung meinLe als
die soeben erwähnke, und ich machte es dorL auch deuklich, daß ich nur die unver-
blümke Billigkeik der Beantworkung eines Vorbilds, die sozusagen aukomakische
ForLsührung cines Gedankens bezeichnen wollke, also weniger an cine künstle-
risch unmoralische HalLung, mehr an eine Halkung sozusagen vor der künstleri-
schen Moral dachke. Zmmcrhin möchte ich nicht verschweigen, daß nach meinem
Empsinden dicses Schwelgen, gerade weil es sich mik der Billigkeit der Dik-
Lion verbindek, die Grenze des ErlaubLen streisk — worin freilich wieder ein
besonderer künstlerischer Neiz gesehen werden kann.

Technisch bekrachkek gehörk diese Skelle in die von den Klassikern häusig, und
wie ich denke zu häufig befolgte Mekhode, die ich miL der Figur des Dachs ver-
gleiche: die Harmonie gehk von der Tonika in die Dominanke, sodann von diescr
wieder zurück zur Tonika. Man könnte aber auch sagen: sie fällk wieder in
ihren AusgangspunkL zurück, so daß dic Figur des Dachs nichk ganz znkräfe,
sondern durch einen Skrich ersehL werden müßke, der zuerst in der Richknng
aufwärks, sodann in der Richkung abwärks zu lesen wäre. Dabei beschränkL
sich die melodische Kunst auf ein, sei.es gekreues, sei es etwas variierendes,
ÜberseHen des für die erste Harmoniefolge (I—V) gegcbenen Vorbilds. Ich
bestreike nichk, daß häufig andere, sozusagen ErsaH-Kräfte oder begleitende Kräfke
dafür sorgen,daß in solchenFällen dieBewegung nichk ganz versandek,oderdaßdas
WeiLergehen dcr Musik nichk gerade willkürlich klingk; immerhin scheink mir in
dieser GewohnheiL einerseiks, in ihrem Fehlen andererseiks einer der wesentlichcn
llnkerschi'ede zwischen der klassischen Musik und der eines Bach zu sein.

Die Wiener Klassiker, so könnke man mik einiger Keckheik sagen, stehen dami'L
der Trivialitäk näher als Bach. llnd nichk nur damik, sondern überhanyt mik
ihrer ArL, der klaren Periodenbildung ;u pflegen.

Man fragk sich immer wieder, was Meisler voni Rang eines Mozark, eines
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