Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Es war zuersi über WirkschafL und Pollkrk geredeL wordeu. Der KonserVaLwe
bekannLe srch. Der religrös bestimmLe ParLeimann. Der GroßdeuLsche. Der
AlldeuLsche. Der prakLische Sozialist. Der Lheoretische Sozialist. Der Wilde.
Der Kommunist. Der starre Nationalist. Der JnLernaLionalist. Der Über-
nakionalist. Der Kosmopolite. Noch viele andere. Die gegenwärLigen Formen
der PoliLik entsprächen nichL dem Fnneren des heutigen KulLnrellen. Man
dürse nichL die Welk gewaltsam in eine solche von kosmisch gerichketen Pndi-
viduen, und in eine andere von burschenschafLig rohen, rein dinglich bestrebten
PoliLikern zerreißen. Maßgebend sei einzig die erstere. Wozu nun einen SLaaL
dulden, wenn er dieser zuwider lebe? Staat habe die Aufgabe, seine Menschen
so zu haltcn, daß sie die Zivilisakion nnr neben der Kultur vertragen wollen.
Weil der heutige diese Pflicht nichk erfülle, überhaupL keine lebendige PflichL
mehr erfülle — „sagen wir es deuksch", erscholl eine hohe Skimme, „er ist
uns Hekuba geworden" —, gebe es heuke nur eine Maxime: weg von der
PoliLik! Sie sälsche das heukige Welkbild! „Im Gegenteil!" wurde erwiderL.
Eine neue, gemäße PoliLik, und alle Menschen politisch aktiv! Der SkaaL
sei unenkbehrlich, er erst gebe der gesellschaftlichen Seele den Leib; der geisti-
gen PoLenz die körpcrliche Auswirkung. VerzichL aus Auswirkung aber bedeuke
in jedem Falle AnerkennLnis von Fmpotenz! „Schön und guk!" sagke jemand.
„Aber alles, was wir heuke von Politik gewahren, da oder dort, ist eben in
WahrheiL — Hand auss Herz! — Assenschande!" „Aber der Mensch eben,"
wurde ihm sogleich eingewendet, „UnendlichkeiLshauch und Assenschande!" Un-
sinnig, über dies alles zu reden, erklärke ohne SpoLL ein driLLer. Gäbe es Einig-
keit, verschwände jedes Problem! „Und erstickte das verschwundene," lächelke
der vierke, „in der MonoLonie der Einigkeit! Alles Lebendige ist zum mindesten
DoppelLes!"

Nach einigem verlegenen Schweigen gingen sie aus die WissenschasL über.
Ansehen bei der Masse sände nur noch die angewandLe, jene, die Technik sörderL.
Alle andere habe und sei, mit Nämbus und Vermögen, abgedankL. Die Lragisch-
ste Figur von heute: der Professor von igio! NächL mehr möglich! Es sei
eine Tat, daß diese Wälder von Göhen des Dünkels, diese ProLokypen der
Allcinseligmachung — „jedes bornierLeste Kirchendogma ist Waisenknabe gegen
dicse Hybris!" — verbrannt wurdcn. Lieber nichts wissen, als so wissen!
Wozn habe jeder seinen gesunden Menschenverstand? Und sei es möglich, „vor-
aussehungslos" einen Sinn der WelL zu ersorschen, ohne ihr zuerst einen unter-
zulegen? Und wer lernte nichk gg Prozent desscn, was er von der Wissenschast
lernte, umsonst? Die anderen g ProzenL aber lernte er — vom Leben! Ossene
Sinne also, und Ablehnung wissenschaftlicher AukoriLäL! Die WissenschafL
habe nur TaLsachen der Empirie festzustellen. Aus der Grundlage dieser Fest-
stellungen baue dann der InLuiLive die Pyramiden der Welt-Deutung; auch
Philosophie, wo sie BerechLigung begehre, habe nichks anderes zu sein als solche
DeuLung. MaLerialismus in dem Verstande, daß nur Erkennbares zähle, sei
ein für allemale vorbei; die überwelt — das Trans — aufgeschlossen und aner-
kannt; in dieser aber kompetiere kein Forscher! Kümmere er sich lieber darum,
aus dem KoLter seines Fachs in das Ganze hinauszuschauen und Organe heran-
zubilden, die — für das nachherige Werk der DeuLer — die Ergebuisse der
Lauscndfach spezialisierten Forschnng zu summarischen GesamtresulkaLen ver-
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