Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Seite: 178
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werden?" die Situakion. Aus diese Frage „wissen nur Zeiten, die eine allgemrin-
gultige Gesialt — Christ, Gentleman, Bürger — kennen, eine Erwiderung..."
„Wenn aber alle Gestalten zerbrachen, wenn keine mehr die gegenwärtige Mensch-
heitömaterie einzubewältigen, einzugestalten vermag, was ist da noch zu bilden?"
Martin Buber antwortet: „N ichts anderes mehr als das Ebenbild
GotteS." „Wenn alle Richtungen versagen, in der Finsternis über dem Abgrund
ersteht die eine wahre Richtung deS Menschen, auf den schöpserischen Geist, aus den
allüber den Wassern brütenden Gottesbraus zu — den, von dem wir nicht wissen,
von wannen er kvmmt und wohin er sährt. Das ist die wahre Autonomie des Men-
schen, das Erzeugnis der Freiheit, die nicht mehr verrät, sondern verantwortet. Der
Mensch, das Geschöpf, welches GeschasseneS gestaltet und umgestaltet, kann nicht
schassen. Aber er kann, jeder kann sich und kann andere dem Schöpferischen össnen.
Er kann den Schöpfer anrusen, daß er sein Ebenbild rette und vollende." So weit die
Antwort Bubers, die Antwort eines gottesgläubigen und glaubwürdigen Menschen.

*

„W ohin,auswas soll erzogen werden?" Auch wir, die wir als Ehristen
in der Ossenbarung der Jnkarnation und der Auserstehung gründen, als Glieder des
Corpus Christi uns bekennen, vermögen heute mit Martin Buber diese Frage nur in
ihrer ganzen säkularen Fragwürdigkeit zu stellen. Auch uns versagen sich die geschicht-
lichen „Richtungen" allesamt als Antwort. Doch vermag uns — unter der Osfenbarung
Christi — auch Martin Bubers Antwort nicht voll genüge zu tun: wir glauben
vielmehr in der johanneischen und paulinischen Derkündigung des Auferstandenen,
in der Verkündigung der christologischen Bollmacht des Menschen eine vollgül-
tigere, wenn auch bisher noch wenig erschlossene Antwort zu haben. Es mag ge-
nügen, diesen Borbehalt angedeutet zu haben. Jedoch ist er kein Hindernis,
Martin Bubers Schrist von ganzem Herzen anzuerkennen.

Umschau

lichkeit über. Sie gab daS Jch preis, um
das Ding zu gewinnen. Was sie aber in
Wirklichkeit gewann, war Öde, Ge-
spensterei und Entseelung, dargestellt an
dinglichen Sachverhalten, in denen von
der lebendigen Teilnahme eines Menschen-
Jchs nichks mehr zu spüren war. Die
Welt ging dieser Sachlichkeit im selben
Grade verloren wie dem Expressionis-
mus. Jhr gemeinsames Merkmal ist die
Beziehungslosigkeit, wenn sie
im übrigen auch polar entgegengesetzt
scheinen. Zwischen diesen beiden Po-
len kann das berühmte Pendel in aller
Ewigkeit hin und her schwingen: es wird
sich wie ein brauchbarer Mittelwert ein-
stellen. Nie känn das expressionistische
Jch sich arglos liebend an die Welk da-
hingeben; nie kann das „Ding" der
Neuen Sachlichkeit, das sich böse und
hart in seine feindselige Gestalt einriegelt,
in echte Beziehung zum Menschen treten.
Das Feld zwischen beiden ist leer.

Und gerade dieses Feld zwischen dem sfch
und dem Ding darf nicht leer sein, wenn

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Das Kunstwerk als Begegnung

e^ts ist mit der historischen Pendeltheorie
^D-eine eigene Sache. Man stellt sich das
gewöhnlich so vor, daß einem hestigen
Ausschlag nach der einen Seite ein ebenso
hestiger nach der anderen Sette solgt.
Und daß dann die Bewegung allmähltch
in der Mitte zur Ruhe kommt. Die
Mitte, die ist dann das Rechte. Zum
Beispiel: wir haben diesen Expressio-
nismus erlebt, der in geradezu sreno-
tischer Weise den Ton auf das Jch (des
Künstlers und des Menschen überhaupt)
legte. Die Folge war — und es ist un-
bestreitbar von hohem Wert, daß das so
klar demonstriert wurde —, daß dieses
in sich selber eingesperrte Jch die Welt
verlor. Tragödie deö JdealiSmus: die
Welt muß verloren gehen, sobald das
Jch sich nicht liebend an die Dinge dahin-
gibt. Nachdem dieS erwiesen war, kam
der Ansschlag nach der entgegengesetzten
Seite. Die Neue Sachlichkeit lies
zum Ding, zur angebltch realen Tatsäch-
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