Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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dem G e i st e herabgerufen wird —
nicht also ein Methodisch-Formales, son-
dern ein Schöpferisch-Materiales! —,
denn begreist man, warum einen selbst
vor den Büchern eines so radtkal-rnoder-
nen „Weisen", wie Keyserling eS ist, das
nnvertreibbare Gefühl anwandelt, daß sie
vielleicht schon in nächster Zeit überholt
sein werden; nicht von einer noch „weise-
ren" Weisheit, sondern von der weise
schassenden Tat!

Fünf menschliche Erscheinungen werden
im neuen Buche als „Sinnbilder" ent-
hüllt. An seiner eigenen Person und de-
ren geistigem LebenSgange zeigt Keyser-
ling, wie gerade das „Unzulängliche" die
produktivste Mitgift eines Menschen zu
bilden vermöge; an Schopenhauer, daß
einzig aus dem Geiste wiedergeborene Ta-
lenke zu Großem sühren; an Spengler,
öaß die allsschließliche Berücksichtigung
von „Taksachen" wahre Einsicht unmög-
lich mache; an Kant, daß allein Einstel-
lung aus dcn Sinn Unsterblichkeit ge-
währleiste; an Jesus endlich, daß Ver-
wirklichung von Sinn nichts anderes be-
deute, als unmittelbare Einbildung von
Geist in die Materie der Welt. Das in-
teressanteste, weil lebenswichtigste Kapitel
ist das erste; gerade Geistern von heute
mag eS Trost im Kampse gegen ihre
vermeintlich negativen Anlagen geben
können. Der Aussatz „Schopenhauer als
Verbilder" ist igog geschrieben worden;
sanatische Schopenhauerianer (gibt es
solche noch?) werden diese Absuhr —
nicht des Gcnies, sondern deS Philoso-
phen Schopenhauer — schäumend lesen.
Die Auseinandersetzung mit Spengler,
die in der Hauptsache darum geht, daß
diesem — nicht aber auch Keyserling —-
das „innere Recht zur Prophetie" abge-
sprochen wird, mutet in manchem wie
ein Kathederstreit an. Noch mehr als
in diesem Kapitel erweist es sich in dem
über Kant als ein schwerer praktischer
Fehler, daß, allzu bequem, vollste Ver-
trautheit des Laien-Lesers mit dem Werke
des Analysierten vorausgesetzt wird. Mit
der Analyse der Gestalt Jesu aber —-
freilich nur als der des „Magiers" Jesu
enthüllt sich die Methode, unbewußt na-
türlich, als das, was sie ist. Nicht,
daß nicht auch da eine Fülle gescheitestcr
Erspürungen ans Licht tauchte. Aber hier
ossenbart sich, bis zum Erschrecken deut-
lich, das, was ich vorhin die „Gesahr"
dieser Methode nannte; hier wird nämlich

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unzweifelhaft gewiß, daß auch diese neue
Keyserlingsche „Weisheit"nur ein „Wissen"
ist; und daß „Wissen" — und wäre es
selbst das abgrundtiesste! — im Angesicht
des schassenden Genius der Gottheit nicht
nur zu einem Nichts, sondern sogar zu
einem Minus zerlächelt wird. Daß Jesu
Reich „nicht von dieser Welt ist"; daß,
„wo ihrs nicht erfühlt", ihrs „nicht er-
jagen" werdet; und daß in dieses Reich
nicht nur ein Reicher, sondern auch ein
„Wissendster" schwerer eingehen könne
als cin Kamel durch ein „Nadelöhr", —
nicht unerbittlicher wahr konnten diese
drei Wahrheiten erwiesen werden, als
in dieser unverständlichen Bemühung
eines allzu gegenstandkühnen Beschwö-
rerö! Unversehrtes Geheimnis, allen Ehe-
rubimen und Seraphimen sei Lob und
Dank dafür! entsliegt der Geist Jesu
dem Keyserlingschen Operationösaal! Liest
man dann aber gar noch, wie der Ver--
sasser dort, wo — sehr geistreich — die
Religionsstifter als „Realpolitiker" dar-
getan werden, und unmittelbar nach dcr
Nennung der heiligen Namen „Buddha"
und „Iesus", mit geradezu rührender
Naivität fragt: „und wenn ich die Tech-
nik der Schule der Weisheit hier mitbe-
rücksichtlgen dars", — dann ist es ein-
zig des Versassers, und nicht mehr im
geringsten dcs Lesers Schuld, wenn die-
ser nun die Faust auf den Tisch schlägt
und antwortet: „Nein, Gras Keyser-
ling! Alles, was Sie wollen! Aber dies
dürsen Sie nicht!" A. T.

*

Isred Seidel, Bewußtsein
als Verhängnis. Aus dem
Nachlaß herausgegeben von H. Prinz -
horn (Verlag Friedrich Cohen, Bonn).
Der Versasser dieses Buches oder richti-
ger, dieser in einem Buch vereinigten
Bruchstücke hat vor etwa zwei Jahren
seinem Leben ein Ende gemacht und damit
die letzte Konsequenz aus den Ergebnissen
seincs Denkens gezogen. Jn einer aus-
sührli'chen Einleitnng — vorangestelltes
Nachwort — bringt der Herausgebcr,
Hans Prinzhorn, dem Leser die Persön-
lichkeit Seidels nahe, schildert die äuße-
ren und inneren Bedingungen, auS denen
die Tragik dieses Schicksals erwuchs und
versucht, daS Werk seines toten jungcn
Freundes geistesgeschichtlich einzuordnen.
slber die Problemstellung Seidels
gibt der solgcnde Satz hinreichend Aus-
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