Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Seite: 205
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kunft: „Wir stellen . . . die Fragc,
ob die Erkenntnis der sozialen nnd psy-
chischen Vorgänge nicht gerade ihre Be-
einslussung unmöglich macht, zumindest
hemmt — die Frage nach dem Beroußt-
seiu als Verhängnis." Bon Fichte bis
Rickert und Kroner tvar die gesamte ossi-
zielle Philosophie von dem Aberglauben
besesscn, durch Selbstreslexion Werte sin-
den zu können, ein Aberglaube, der um
so ausdrücklicher Aberglaube wurde, je
weniger sich dcr denkende Mensch n priori
in einem objektiven Wert verwurzelt
sühlte. Die Psychoanalyse und andere
revolutionäre Strörmmgen der jüngeren
Zeit haben zwar jener Selbsttäuschung
die Maskc herabgerissen, aber sie versie-
len dasür in deu Fehler, die psychologisch
zu Tage gesörderten unterbewußten Re-
gungen und Triebe selbst positiv zu be-
werten. Gegen beide Richtungen wendet
sich die in ihrer fast brutalen Wahrhaf-
tigkeit über jedem Zweisel erhabcne Kritik
Seidels. Man kann gewiß viel tadeln
an seinem Buch: den uriorgcmischen Aus-
bau, den Mangel an eigeritlich philoso-
phischer Vertiefung und Systematisierung
der Gedanken, den unbeholfenen Sche-
matismus, den stcllcnweise holperigen
Stil usw. usw. Das alles aber ändert
nichts an der ungeheuren symptomatischeri
Bedeutimg dieses Werkes, das den vom
Marktgeschrei unzähliger Weltanschau-
ungsscharlatans betäubten Gegenwarts-
menschen plötzlich wie ein bluterstarrendes
Menetekel an die Ohren klingt. Mit un-
erbittlicher Folgerichtigkeit zeigt Seidel
die Fruchtlosigkeit aller Versuche, das
llberbewußte und Lebenstüchtige mit den
Mitteln des BewußtseinS zu fördcrn, aber
auch den Jrrtum der Psychoanalyse, die
durch Bejahung der chaotischcn Triebe,

des dämonisch llnbewußten dem Leben
se.ne Krastquellen wieder zu erschließen
glaubt. Für die Stellung Seidels ist we-
sentlich, daß er die sogenannten „Kon-
trastideologien", jene von Freud aus der
Derdrängung erklärten „Zwangsvorstel-
lungen", für durchauS lebensnotwcndig
hält, weil sie allein das hypertrophe
Triebleben des Menschen bändigen kön-
nen. Seidel erkennt also, daß die Be-
wußtmachung dieser Jdeologien, mögen
sie Gott, Kirche, Staat, Volk, Sittlich-
keit oder sonstwie heißen, als Jdeologien
notwendig kultur-, ja lebenszcrstörend
wirken muß. Aber — und hier eben
schürzt sich der tragische Knoten im Den-
kerschicksal — er selbst kommt trotz schärf-
ster theoretischer Bekämpsung des Prag-
matismus über die pragmatische Beurtei-
lung der Jdeologien nicht hinauö. Er
bewertet zwar Religion und Kultur posi-
tiv, aber cr hält dessemmgeachtet die The-
sen der Analyse sür wahr, er eisert zwar
gegen die Psychologie, aber bleibt trotz-
dem in ihr gesangen. DarauS ergibt sich
ihm schließli'ch die paradoxe Gleichung
Wahrheit-Unwert, bzw. Wert-Unwahr-
heit. Eine solche Konseguenz ist schlecht-
hin unerträglich und muß den Denker,
wenn ihm seine Erkenntnis „eristenziell"
wird, zum Selbstmord treibcn. Nur der
Glaube könnte die Dissonanz auflösen.
Aber der fehlt ja eben dem unglücklichen
Berfasser, und so gelingt ihrn am Ende
auch die angestrebte „Nihillslerung des
Nihilismus" nicht. Der surchtbare Schrci
nach Christus, mit dem das Buch ab-
schließt, ist der Derzweislungsausbruch
eines Ungläubigen. Man kann nicht ge-
gen die Wahrheit streiten wollen mit dem,
der von sich gesagt hat: „I ch b i n dic

Wahrhei t." E. R.

Zu unseren Bildern und lskoten

^)U dem Aufsatz „Vom schaffenden
^)Kind" möchte ich auS vieljähriger
Kenntm's und Erfahrung, zugleich auf
Grund der neucsten und besten Forschun-
gen einiges sagcn; ich glaube dies unseren
Lesern, bzw. deren Kindern schuldig zu
sein! Wer von sich selbst bekennt, daß
er vom Zeichnen und Zeichenunterricht
nichts versteht, darf u. E. hier nicht mit-
reden, noch nach eigenen Rezepten Ver-
suche machen. Aus solcher llnkenntnis er-
klärt sich auch die salsche Einschätzung dcr

Linearperspektive, die Mahnung, zu zeich-
nen, „was man scharf vor Augen sieht",
das Klecksen- und Schmierenlassen, die
bloße Hilfe durch Mitschüler u. a. Ge-
wiß ist Zeichnen Ausdrucksmittel des inne-
ren Menschen, auch schon beim Kind;
aber nur, wenn es seiner Entwicklungs-
stuse gemäß sich vollzieht und gefördert
wird, nicht durch ein bloßesGeschehenlassen.
— Das Allgemeine ist hier wichtiger als
das Besondere; deshalb gehen wir dies-
mal ciucn anderen Weg dcr Einführung.

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