Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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beiten des Knaben E. Reif. Er hat sie
als Fünfzehnjähriger gefertigt und stand
als Dreizehnjähriger noch auf vollkom-
men kindlicher Stufe, hatte vorher ket-
nerlei Zeichemmterricht genossen. Das
frühere Blatt aus dem Märchen öer
„Königskinder" zerfällt noch allzusehr
in einen linken, mittleren und rechten
Teil, auch sind einzelne größere und klei-
nere Teile noch zu menig einheitlich. Alö
gesamte Leistung ist öie Arbeit ein selb-
ständiges, mit geklärten Vorstellun-
gen wiedergegebenes Bild, das ganz far-
big gehalten ist — wie die etwa ein hal-
bes j)ahr jüngere „Seelandschaft". Hier
ist alles einheitlicher, emfacher und kla-
rer geworden, im ganzen und im ein-
zelnen. Leider wird öer See infolge der
feinen Tönung in der Strichätzung nicht
genügend deutlich. — Man sage nicht:
das ist ein fünfzehnjähriger Junge und
die anderen sind Neun- und Zehnjährige.
DaS Entscheidende ist, daß auch dieser auf
ganz kindlicher Stufe gestanden unö durch
systematische Behandlung so weit gekom-
men. Solche Leistungen sind keineswegs
„einzig", weder in seiner Klasse noch in
anderen Jahrgängen. Und diese Leistun-
gen wurden nach dem System Britsch
in einer bayerischen Präparandenschule er-
zielt. — Das seiunser Beitrag zur Kin-
öerzeichnung! Auf solcher Grunölage wird
auch das Schmücken von Gefäßen und
Geräten entwickelt, wird die Einführung
in die Werke der Knnst geübt — als
wesentliche formale Gestaltung von
Geistigem. I. P.

*

ei der Besprechung der Uraufführung
von Joseph Gustav Mraczeks Oper
„Herrn Dürers Bild", aus welchem Werk
wir jetzt in der Beilage das recht melodische
nnd stimmungsvolle Lied zu Ehren dev
Jungfrau Maria bringen, ist schon her-
vorgehoben worden, daß sich dieser Ton-
setzer, obwohl er m Brünn (am 12. März
1678) geboren ist und dort lange gewirkt
hat, immer als Deutscher gefühlt hat.
Nach dem Umsturz ist er aus der Tsche-

choslowakei, wo ihm seine deutsche Ge-
sinnung sehr verdacht worden ist, aus-
gewandert und hat sich in Dresden nie-
dergelassen, wo er eine Meisterschule für
Komposition am Konservatorium leitet
und gelegentlich als Dirigent wirkt. Als
Sängerknabe hat er seine musikalische
Laufbahn begonnen, sich dann hauptsäch-
lich zum Violinvirtuosen am Konserva-
Lorium der Gesellschaft der Musikfreunde
in Wien auSgebilöet und hat darnach eine
Reihe von Jahren als Konzertmeister am
Brünner Stadttheater gewirkt. BereitS
igo2 trat er dort mit der Oper „Der
gläserne Pantoffel" hervor. Die Oper
blieb auch weiterhin sein HanptarbeitS-
gebiet. Weit über den Durchschnitt er-
hob er sich in seinem nach Grillparzer
geschasfenen „Traum" (igog), der u. a.
in der Berliner Königlichen Oper sehr
erfolgreich aufgeführt wurde unö keines-
falls öer Vergessenheit anheimfallen sollte.
Weniger Glück hatte er mit den harmo-
nisch weir moderner eingestellten Opern
„Aebelö" (lgi4) und „Zkdar" (1921);
dagegen war die echt deutsche Oper
„Herrn Dürers Bild" wieder ein Treffer.
Ntraczek ist nie ein Vielschreiber gewe-
sen, selbst nicht auf dem Gebiet der Lied-
komposition. Sehr viel Beachtung hat
seine von Nikisch uraufgeführte Orchester-
Burleske „Max und Moritz" gefunöen;
viel gespielt werden auch seine „Orien-
talischen Skizzen", die der Bühnenmusik
zu dem Theaterstück „Kismet" entnom-
men sind. Daö zum Teil aus seiner Wio-
ner KonservatoriumSzeit stammende Kla-
vierquintett hat ihm viele Freunde er-
wvrben. Sein kürzlich erschienenes
Streichquartett wird sicherlich bald viel
aufgeführt und auch bei Dilcttanten sehr
beliebt werden. Fühlt er sich auch in sei-
nem musikalischen Schasfen durchaus als
moderner Mensch, so ist er doch weit
davon entfernt, sich den sogenannten Ato-
nalikern anzuschließen und seiner bisheri-
gen Vorliebe für wirkliche Melodik zu
entsagen. Jch denke, daß wir noch viel
von ihm erwarten dürfen.

Wilh. Altmann

Berlag von Georg D. W. Callwey. . Druck von Kastner L Callwey in München. — Leranlwortlich:
Dr. Hermann Rrnn, Ntünchen. In Österreich verantwortlich: Paul Sonnenfeld, Wien I, Fleischmarkt tö. —
Geschästsstelle für Berlin: Georg Siemens, XV 57, Kursürstenstraße 6; Geschäftsstelle sür Wien:

Paul Sonnenfeld, 1, Fleischmarkt iv.

Sendungen für den Texr nur nach vorheriger Dereinbarung, da sonst keine Berantlvortung übernomnien werden
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