Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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könne. Denn sie ist ein GrundmoLiv in der GeschichLe der Mrnschheit, und
sie bezeugt sich als eine WahrheiL durch die unabsehbare Reihe von (ZLörun-
gen, die dieser WidersLreiL hervorgebrachL haL (und dies nichL ersL seiL den chrisL-
lichen ZeiLen, wohlgemerkL; denn solange wir den Menschen aus der Erde
zurückversolgen können, haL seine Lebensrechnung doch wohl niemals ganz
und ohne Rest gesLimmk!). Und doch, so wurde oben hinzugesügL, gibk es
einen PunkL, an dem sich eine allgemeine, menschheikliche Pakhologie in diesen
SachverhalL einmischk. Er isL kurz damiL zu bezeichnen, daß der Blick
des BewußLseins zum bösen Blick nur da wird, wo der GeisL
von seinem Lebensgrunde „abgesallen" isL und nichL zu ihm
zurückgefundcn haL. NichL der GeisL an sich isL lebensseindlich, sondern nur
der GeisL, der sich — im Menschen — selber als den Herrn, als den eiuzigen
Beginner und SkisLer der WirklichkeiL sehk. Lebensseindlich isL nichk das Zch
an sich, sondern nur das Zch, das seine EnLnommenheiL aus der Lebensallsülle
nichk anerkennen, das seine GeschassenheiL nichk zugeben will. Das Be-
wußksein verschärfL sich nur da zur „Bewußkheik", es „zerblickk" nur da das
Leben, wo es das Grundlegende der menschlichen SiLuakion nichL erkennen
will, wo es sür sich selbst, sür das Jch und die Rakio eine mekaphysische
AuLonomie behaupkek, die es niemals gegeben hak. Der Geist nimmk nur da
(nach Prinzhorns WorL) Leuslische Züge an, wo er Rebell und AbLrün-
niger, also LaLsächlich „Teusel" ist; wo er sich vom LebensmiLLelpunkt scheideL
und eine GcgenwelL gründeL; wo er, der geschassene, sich sälschlicherwcise an
die Skelle des Schöpfers setzt und dann ganz solgerichkig Tod bewirken muß,
weil Tod, nämlich die Trennung vom Lebenszentrum, sein AusgangspunkL
ist. Sobald der Geist sich als das Einzige und grenzenlos Freie sehk, muß
er das Leben von sich ausschlicßen als das LlnerLrägliche, NLedrige und Ge-
meinc, das ihn schon durch Berührung beslcckk. Denn weder hak er es ge-
stiskeL noch kann er es begreisen. Aber auch das UmgekehrLe LrisfL zu: sobald
das „Leben" sich als das Einzige und Beginnende seHL, muß es den GeisL vou
sich ausschließen als die schlimmste BeeinLrächLigung, die ihm widcrsahren
kann. So entstehen durch sehlerhafke, siktive Emanzi'pationcn die wechsel-
seitigcn VerLeuselungen: die des GeisLes hier, die des Lebens dorL.

Die Gnosis beweist, wie sehr bcides im mekaphysischen Kern eins und das-
selbe ist: Abfall vom schöpferischen Zentrum, Teufelswerk. Denn in der
Gnosis lausen schross asketische und grob schwelgerische Strömungen neben-
einander her und doch liegk in beiden gleichermaßcn ein Verlassen dcr mensch-
lichcn SiLuakion. Der Dämon des Abfalls hälk es bald miL dem GeisL,
bald mik dem Leben. Er verkrägk sich mik den höchsten Erschwingungen der
VernunsL und ebenso mik dem dichtesten und derbsten Leben. Nür Eines
kann er niemals dulden: die goLLgestisLeke Verschränkung beider, die
große, uubegreisliche Spannung, die gleichwohl das innerste Gcheinmi's,
die stiskende KrasL des kokalen Lebens ist. Der vom GeisL des „Abfalls"
ergrissene Mensch ist stets daran zu erkennen, daß er die mcnschliche Lebens-
rechmmg glaLLzustellen wünscht. Sie soll ohne NesL ausgehen cnk-
weder aus der Ebcne des Gcistes oder aus der Ebene dcs mikeren Lebcns.
Der „Teusel" hängk immcr an der Idee der buchstäblichcn, spannungs-
losen Harmonie. Immcr lausen sci'nc ArgumenLe daraus hinaus, daß die
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