Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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so daß sehr bald eine solche ZeikgenössischkeiL nur mehr die Historiker vom
Fach inkeressierk. Ilnveränderk aber, unwandelbar bleibk das Herz des Men-
schen, ewig glcich sein Dulden und Kämpfen, seine Freuden und Peinen. Und
wenn alle Kunst zunächst das Herz des Menschen meink, so kann es nichk so
scin, daß Gedichke durch neue Gedichke jemals verdorren und erkauben, jemals
Anhörens unwerk sein sollken, einzig weil an Skelle der Ruderschiste der
Schnelldampser gekreken ist. Das Reich des abendländischen Geistes ist ein
Himmel voller Gestirne über den Nukionen, und gehen neue dork auf, so
gehen darum die alken m'cht unker; die großen Bilder aber, die das Firma-
menk seik uralken Zeiken bestimmen, sie bleiben „herrlich wie am ersten Tag".
Und so nehmen wir das Erscheinen einer neuen Verdeukschung der Odyssee
Homers durchaus als das, was es ist: als ein höchst bedeukendes Ereignis im
Leben der geistigen Nakion der Denkschen. Denn immer noch ist die Odyssec
eines dcr herrlichsten Gedichke, die der abendländische Geist hak hervorbringen
dürscn: so reich, so sromm, so ernst und verständig, so menschlich und wcise
und so über alle Maßen kunstvoll-schön, daß es da immer noch und immer
wieder sür ganze Geschlechker von Künstlern und Kunstrichkern zu lernen gäbe.
Denn da ist ja gar nichks überholk oder überlebk, oder durch Besseres und
Zeikgemäßeres erschlich oder ersetzk, ganz und gar nichks Museums- oder
Bibliokhekenkram, sondern immer noch alles erschükkernd lebendig, imnicr
noch srisch von Farben und Tönen, immcr noch zu seligen Tränen bewegend
wie am ersten Tag. Und das ist das Wichkigere: daß dieses Werk eigent-
lich eine Herzspeise der ganzen abendländischen Menschheik sein könnte, jedem
köstlich und die Seele nährend, und nichk nur eim'gen wenigen Geschmäcklern
und Kennern.

Daß es sich bci uns in Deukschland aber nichk so verhälk, hak seine Gründe.
Kennknis des Originals können nur wenige haben. Was in den Gymnasien
gemeinhin mik dcm Texk geschah, war von der Parodierung schon nichk mehr
weik enkfernk, und sür wieviele Erzieher war er denn auch wirklich mehr als
nur ein „Lehrmikkel" ? Da an eine LekLüre des ganzen, mik dem bewunde-
rungswürdigsten Kunstverstande gebauken Gedichkes in einem Zuge ja lcider
nichk zu denken war, so übersetzke man ausgewählke Skellen, und kak es mik
ciner unbegreiflichen Scheu vor dem eigenklichen Workstand und Workleib des
Originals. Auf gar keinen Fall war es erlaubk, den griechischen Workstamm
durch den gleichbedeukenden deukschen wiederzugeben. Vielmehr suchke man
vor allcm uach erläukernden und zugleich womöglich „gefälligeren" odcr
„schmuckercn" Wendungen, die nakürlich immer die landläusigeren und dic
blasseren waren. Diese Ark Übersetzens nennk Schaesser einmal dic rakiona-
listische und kommcnkierende. Es ist, alles in allem, die Ark der Homcr-
Übersctzer vor ihm überhaupk.

Ilm ein Beispiel zu geben: vom Erze wird einmal gesagk, es sei „altliops";
dieses Work cnkhälk, worüber jedes Handbuch AnskunsL gibk, die Skämme von
Brcnnen, Funkeln, und von Auge, Blick. Das wurde danu mik
suukelnd, strahlend, glänzend, schinnnernd und dergleichen übersetzk, da die
hier walkende Bernnnft dem Erze Augen nichk wohl zngestehcn mochte. Es
heißk aber wörklich funkeläugig, oder, wie es Schaefser sehr schön übersetzk,
seueräugig. llnd das ist zugleich von allen diesen das eigenklich dichkerische

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