Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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hell mik sichkbar, emkräufeln mik vererben, Zungensirecker mrk geschwähig,
srosien mik erschrecken, Eiser schnauben und sich kummeln, übermannlich mik
voll übermükiger Bosheik, unmännlich machen mik Tugend und Skärt'e rauben,
Gökkergellen mik unsäglichem Geschrei? Odysseus, der im Hades umsonsi den
Schakken seiner koken Mukker zu halken krachkek, flehk sie an, zu bleiben, anf
daß, wie Schaesser wörklich übersehk:

Wir um uns die lieben Hände wersen

Uns mik kalkem Schluchzen säktigend . . .

Daraus wird bei Voß:„... mik liebenden Händen umschlungen / llnser krau-
riges Herz mikTränen erleichkern", bei Thassilo von Schesser sogar: „...mik lie-
benden Händen einander / Zärklich umschlingen und uns durch herbe Klage erleich-
kern." Aber gerade das Werfen der Hände isi es ja, nichk das Umschlingen,
und das Säkkigen mik kalkem Schluchzen, wie es wörklich beim Dichker heißk,
und nichk das Erleichkern mik herber Klage, — daraus muß es uns ankommen.
Wer hier enkgegnen wollke, das sei philologische Splikkerrichkerei, nnd es
gehe nie um einzelnes, sondern immer um das Ganze, dem sei geankworkek,
daß eben die Einzelheiken das Ganze machen und daß es allerdings daraus an-
kommk, ob einer in einer Melodie ein Cis bläst oder ein C. Aber noch cin
Beispiel sür unzählige, die Gesang sür Gesang, sast Zeile sür Zeile anzu-
sühren wären. „. . . die Freier . . . wurden vor Unmuk / Rok und bleich..."
übersehk einer der Rkachdichker. Und was stehk im Texk? „Uasi 6'ära clrrvus
eträpeto", und Schaesser übersehk wörklich wie immer: „und es wandke
allen sich die Hauk". Wenn das nichk unvergleichlich kühner und poekischer
ist, nämlich wirklich der sinnlichste Ausdruck sür das heimliche Grauen, das
die Männer da überkommk, und das andere vielleichk aus den ersten Blick
gefälliger, aber doch nur eine andeukende Umschreibnng, — so verstehk, der
dies schreibk, ein sür allemal nichks von der Dichtung. Wenn es aber
kein Denksch sein soll, nur weil es eben nichk landläusig ist, so zu reden, so
könnke es wohl sein, daß dergleichen herrliche Gewagkheiken, als sie zum
ersten Male erklangen, in eben diesem Sinne auch kein Griechisch gewesen sind.
Aber sie sind es geworden, weil ihre ganze Herzensmachk sich zuerst auf die
Sinne richkeke und nichk auf den Verstand. Dichkersprache aber ist Sinnes-
sprache, sie meink die Körper, meink die Dinge und ihre kausendfälkig ruhende
und bewegke Erscheinung, meink immcr zuerst Bewegung und dann 2lbsichk,
bildek immer zuerst die sichkbare Welk, und bildek sie diese nur rechk, so ge-
sellk sich ihr der Geist auch willig und sreudig und muß nichk erst beschwo-
ren werden.

Es müssen aber unsere Beispiele hier genügen, um wenigstens cine Ahnung
von dem llnkernehmen und Gelingen dieser deukschcn Erneuerung zu geben.
Gewiß ließe sich im einzelnen dies oder jenes aussetzen, dieser oder jencr
Vorschlag einer Änderung bei einer Rreu-Auslage machen. Aber es ist hier
nichk die Ausgabe, den kleinen Unebenheiken und Lücken einer Leistung nach-
zusingern, die so groß und bedeukend ist, wie sie nur die glücklichen Zeiken der
deukschen Geistesgeschichke hervorgebrachk haben. Gewöhnung an dcn Besih ist
schon keiner mehr, und wir haben in diesem Sinne nichk eininal die wahre
Gestalk des Homer besessen, sondern nur das redlich bemühke Ungesähr
Vossens und seiner Schüler. Es scheink aber eine Zeik zu scin, in welcher

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