Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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der deutsche Geist gar keiuem nur ererbken und nichL erworbenen BesiH mehr
Lrauen will. Er gehL unruhig in seinem Hause umher, seine Haöe zu prüsen,
nnd wo ihn uralLe KühnheiL anschauerL, da schiebL er die MrLLler beiseiLe
und sindeL sich stark genug, ihr mit ncucr Kühnheit zu entgegnen. Von dcm
VerdeuLschungswerk Rudols BorchardLs war in diesen BläLLern schon die
Rede; von andern wird noch zu handeln sein. Und nun machL das Bedürsnis
nach eigener Anschauung und eigenem Erleben auch vor der seit LuLhers ge-
walLiger Tak geheiligLen deuLschen Bibel nichL halk. Martin Buber nnter-
nimmt das Wagnis einer neuen Übertragung* des alken Bundes. Man wird
ihm den Anspruch, LuLhers Texk dannL zu löschcn, oder zu überkrumpfen,
wo es nichks zu überkrumpfen gibt (denn Lukher ging mik gänzlich andcrcm
Versahren und gänzlich anderer AbsichL an sein Werk), gar nicht crst zu-
Lraucn wollen. Was er geben will, ist der alte Text, vielleicht in seiner gan-
zen hebräischcn Frcmdheit, aber doch so, daß sür das einmalige Hebräisch
nun auch cin cinmaliges und zu diescm gehöriges Deutsch zu lesen ist. LnLher
sah bci seiner VerdeuLschung, wie er sagke, „dem Volke auss Maul", und
er LaL es nn'L herrlichem und einzigem Ersolge. Buber sieht ans den alten
Text.

Ilnd das ist auch das llnternehmen und der Borgang der durch Schaesser
deutsch crneuerLen Odyssee: jene alke nnd ewig morgenschöne WelL der grie-
chischcn Heldengedichte in ihrer ganz unverschminkLen, ungegläkteten HoheiL
und Fremdheik uns nahezurücken, auf daß jeder, der Augen im Kopfe hak,
nun cinmal selber zusehen möge. Wenn aber jcmals der deutsche Geist ein
gastlicher Geist gewesen ist, und niemals eigentlich willens, dem Fremden seine
Meinnngen und Gebräuche aüszuzwingen, sondern ihn all in seiner Fremd-
heik an die Tasel zu bikken, und sich seiner zu erfreuen, wie es sich ziemk,
so schcint er sich jetzt aus diese scine schönc Tugend nur schöner zu besinnen.
llnd da die Tafeln schon gedeckk sind und die willkommensten Gäste aus der
Fremdc nicht von llnbcrusencn hinzugesührk werdcn, so wollen wir nns
nichk lange bikten lassen.

Das Gedlchtwerk Ernsi Bertrams

Bon Ernst Heilbrunn

aul Alvcrdes hak an dieser Skelle** im Januar aus das „üeornenbuch"

"s-^Ernst BerLrams ausmerksam gcmacht; es ist eine der wenigen BekrachLun-
gen, die der Gedichkband gesunden hak. Das GesamLwerk Berkrams, das ra-
gendste der leHten Zeik, ist in keiner Weise gehörk oder gar ausgeschöpsk wor-
den. Einzig sein erstcr Band „Gedichke" hak im Lauf gnt eines IährzehnLs
cine gewisse Aufnahme in das geistige Rcich der Deutschen gefunden. llnd doch
haben wir es bci BerLram mik einem im wahrstcn Sinne dcutschen AnLricb
zu Lun, wie ihn dic großen Epiker und Lyrikcr des MiLLelalkers, wic ihn Lukher,
HuLken, Sebastian Franck, Herder, Kleist verkörpern.

' Von der bereits bei Lambert Schneider, Berlin, oier Bände erschienen.

" Vgl. die in unseren Losen Blättern gedruckten Gedichte, die eine Ergänzung zu den Proben
im Ianuarhcst bilden.

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